Teil 10

Autor: Tigerauge

 

Peters Schädel brummte. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte. Ein ohrenbetäubendes Geschrei malträtierte sein Trommelfell. Langsam öffnete er die Augen und sah sich benommen um. Wo war er? Was war passiert? Sein Blick fiel auf das Metallgestell mit der Winde. Schlagartig kehrte die Erinnerung zurück: der Käfig... Suko... der Angriff... die Explosion. Unwillkürlich fasste er nach dem Amulett seines Vaters. Sofort spürte er, dass etwas nicht stimmte.

*Paps?* Besorgnis schwang mit in seinem gedanklichen Ruf.

Er erhielt keine Antwort. Eiskalt lief es Peter den Rücken herunter, als er die Wahrheit erkannte: Er hatte die Verbindung zu seinem Vater verloren - die Verbindung zu ihrer eigenen Welt...

Ein schrilles Kreischen und das Geräusch großer Schwingen lenkten den Shaolin-Cop von seiner schockierenden Entdeckung ab. Das Gefühl einer unmittelbaren Gefahr verdrängten die verhängnisvolle Erkenntnis aus seinem Bewusstsein. Augenblicklich galt Peters ganze Aufmerksamkeit dem aktuellen Geschehen um ihn herum.

Ein riesiger, roter Schatten schoss an ihm vorbei und stieß hinab auf den Opferplatz, wo John durch seine schnelle Reaktion nur um Haaresbreite dem Angriff entging. Ungläubig verfolgte Peter das Untier mit den Augen, als es erneut in den Himmel hinaufstieg. Langsam erhob er sich, ohne jedoch den Blick abzuwenden. Jedes Detail dieser höllischen Kreatur prägte sich ihm in diesem Moment ein:

In verschiedensten Rottönen glänzende Schuppen bedeckten den langgezogenen Körper von gigantischem Ausmaß. Allein sein von armlangen, dolchartigen Knochenfortsätzen gekränzter Kopf besaß die Größe eines Kleinwagens. Ebensolche Hornstacheln zogen sich an der Oberseite des schlangenartigen Halses entlang, über das Rückrat hinunter, bis zum peitschenden Schwanz, der in einer dornenbesetzten Keule endete. Die vier kräftigen, klauenbewährten Pranken stellten ohne Frage tödliche Waffen dar. Riesige, fledermausartige Flügel wuchsen aus den Schultern des dämonischen Fabelwesens und ermöglichten ihm eine ungeheuere Schnelligkeit und Gewandtheit, ja beinahe Eleganz. Es führte einen rasanten Tanz hoch über dem Lavasee auf, um dann plötzlich erneut hinabzutauchen, seinen vermeintlichen Opfern entgegen.

Gebannt beobachtete Peter, wie der enorme Schädel mit den glühenden Augen und dem weit aufgerissenem Maul auf ihn zustürzte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er hier oben wie auf dem Präsentierteller stand.

Er schluckte und sah sich hektisch nach einem Ausweg um. Dabei streifte sein Blick das Schwert, das er wohl während des Kampfes mit dem Drachenkrieger verloren hatte. Es lag, beinahe unerreichbar, mehrere Meter entfernt nahe der Hebeanlage. Den Gedanken es wieder an sich zu nehmen, verwarf der junge Cop sofort, zumal er bezweifelte, dass es ihm gegen die Bestie von großem Nutzen sein würde. Also blieb nur der Weg nach unten.

Der Felsvorsprung befand sich etwa fünf Meter über dem Kratergrund. Zum Hinabklettern reichte die Zeit nicht mehr. Alleine ein Sprung konnte ihn noch retten. Nicht, dass die Distanz übermäßig groß gewesen wäre, aber die Höhe reichte doch aus, um sich die Beine zu brechen, sollte er falsch aufkommen. Ein schneller Blick auf den heranpreschenden Drachen zeigte Peter, dass ihm keine Wahl blieb. Er sprang.

Kaum in der Luft, spürte er die feurige Hitze in seinem Nacken. Das Ungeheuer schickte ihm einen flammenden Gruß aus den Tiefen seines Schlundes, gefolgt von einem enttäuschten Kreischen, hinterher. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, landete der Detective sicher zwischen zwei größeren Steinbrocken. Federnd ging er in die Knie, doch sein Schwung warf ihn nach vorne und zwang ihn, sich über die rechte Seite abzurollen.

Der Shaolin-Cop unterdrückte einen Aufschrei, als ein scharfer, lähmender Schmerz durch seinen Oberkörper raste. Etwas drang durch den Ärmel seines Hemdes und bohrte sich tief hinein in die Muskulatur seines rechten Oberarmes. Automatisch legte er schützend die linke Hand auf die Verletzung und spürte die warme Nässe, die sich rasch ausbreitete. Ein schneller Blick auf den steinigen Boden genügte, um zu erkennen, was passiert war: Eben dort, wo er mit der Schulter den Boden berührt hatte, ragte ein feiner Steinsplitter lanzenartig mehrere Zentimeter weit aus der Erde. Die lange, scharfe Spitze glänzte feucht.

Peter fluchte innerlich. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Ausgehend von der Länge der Steinklinge musste die Wunde ziemlich tief sein. Hoffentlich waren keine größeren Blutgefäße verletzt. Unwillkürlich verstärkte er den Druck der gesunden Hand auf seinem Oberarm. Dennoch quoll das Blut weiterhin zwischen seinen Fingern hindurch und rann unaufhörlich den Arm hinab. Er musste irgendwie die Blutung stillen.

Nachdem er sich mit einem kurzen Blick vergewissert hatte, dass von dem Ungeheuer im Augenblick keine unmittelbare Gefahr ausging, - es zog hoch über dem Krater einen weiten Kreis -, atmete Peter mehrfach tief durch und schloss die Augen. Er konzentrierte sich, um den Schmerz und die Blutung unter Kontrolle zu bringen, so wie ihm sein Vater es beigebracht hatte.


John überbrückte mit schnellen Schritten die wenigen Meter, die ihn von Peter trennten. Neben dem Altarstein hielt er kurz inne und steckte Sukos Waffen, die er auf keinen Fall Sun Long überlassen durfte, ein. Dann beugte er sich über den noch immer am Boden hockenden, offensichtlich verletzten, Cop.

"Peter, alles okay?", erkundigte er sich besorgt.

Der junge Mann schien aus einer Art Trance zu erwachen, als John ihm die Hand auf die Schulter legte. "Nur ein Kratzer", behauptete er, doch der gepeinigte Ausdruck, der kurzzeitig in seinen Augen stand, strafte diese Worte Lügen. Die Blutung ließ allerdings tatsächlich bereits nach.

Sorgfältig darauf bedacht, den rechten Arm nicht zu belasten, erhob Peter sich und stellte sich leicht schwankend neben den Geisterjäger. Dieser widerstand der Versuchung, Peters Wunde näher zu untersuchen. Dafür war jetzt keine Zeit. Sie mussten schleunigst Deckung finden. Diese höllische Kreatur konnte jederzeit wieder angreifen.

Wie zur Bestätigung ertönte im selben Moment über ihnen ein schriller, langgezogener Schrei, der beinahe wie ein triumphierendes Lachen klang. Sofort richtete John seine Aufmerksamkeit wieder voll und ganz auf das Untier, welches nunmehr dicht über dem Lavasee Position bezogen hatte.

Der Drache öffnete sein gigantisches Maul und spie erneut tödliches Feuer. Der Strahl glitt über die Felswand des Vorsprungs hinweg und fand ein neues Ziel: Suko, der dort eng an den Stein gepresste kauerte. Sichtbar die Zähne zusammenbeißend, stützte sich der Inspektor mit den gefesselten Händen am Fels ab und versuchte aufzustehen. Der verletzte Fuß jedoch gab unter seinem Gewicht nach, knickte ein und machte seinen verzweifelten Fluchtversuch zunichte. Zentimeter um Zentimeter näherte sich die züngelnde Feuerlanze. Unaufhaltsam! Gleich würde sie ihn endgültig erreicht haben. Jetzt... Unvermittelt versiegten die Flammen.

John sog scharf die Luft ein. 'Was soll das werden?', dachte er irritiert, als bereits der nächste Feuerstoß dicht vor seinen und Peters Füßen den Boden traf. Ein paar kleinere Steine glühten auf und zerplatzten in einem Funkenregen. Unwillkürlich wichen beide Männer einige Schritte zurück. Der Flammenstrahl folgte ihnen, bleib aber auf Distanz. Sun Long schien Gefallen daran zu finden, Katz und Maus mit seinen sicher geglaubten Opfern zu spielen.

Der Geisterjäger spürte Wut in sich aufsteigen. Es wurde Zeit, diesem dämonischen Treiben ein Ende zu setzen. Trotz der Hitze, die seine Haut zu versengen drohte, trat er entschlossen einen Schritt vor. Automatisch umklammerte er das Kreuz in seiner Jackentasche. Doch gleich darauf besann er sich und zog die Hand wieder zurück. Die Aktivierung des überaus mächtigen Kreuzes musste ein letzter Ausweg bleiben. Es gab noch andere Möglichkeit, dieses Höllengeschöpf zu bekämpfen. Ohne seinen Gegner aus den Augen zu lassen, zog er Sukos Dämonenpeitsche aus dem Hosenbund.

Das Ungeheuer stieß einen enttäuschten Schrei aus, als es erkannte, dass seine flammenden Scheinattacken nicht die gewünschte Panik auslösten. Unter wütendem Kreischen stieg es erneut auf, drehte eine wilde Pirouette über dem Krater und stieß dann, die Zähne gefletscht, in atemberaubendem Tempo auf seine Widersacher herab. Es schien als suche auch Sun Long nun die entgültige Entscheidung. Die Geschwindigkeit seines Sturzfluges erhöhte sich noch, als er, wie ein überdimensionaler Greif, die riesigen Schwingen anlegte. Kurz über dem Boden fing er sich elegant ab und schoss, die klauenbewährten Vorderläufe weit vorgestreckt, auf die beiden Polizisten zu.

***

Kermit kniete neben Caine. Nervös tastete er am Hals des Mannes nach dessen Puls. Da! Er spürte ein leises Klopfen unter den Fingerspitzen. Langsam zwar, aber gleichmäßig. Kermit atmete auf: der Priester lebte. Was immer diese explosionsartige Druckwelle verursacht hatte, es hatte den Shambhala-Meister zumindest nicht umgebracht. Aber er war ohne Bewusstsein und benötigte dringend ärztliche Hilfe.

Trotzdem zögerte Kermit ihn auch nur kurzzeitig alleine zu lassen, um den Notruf über Funk abzusetzen. Wer garantierte ihm, dass nicht währenddessen noch mehr von diesen Horrorgestalten aus dem Nichts auftauchten? Der Detective verfluchte den Umstand, dass Caine kein Telefon besaß und er sein Handy in der Corvair vergessen hatte, wo es noch immer zum Aufladen im Zigarettenanzünder hing.

Beiläufig warf er einen Blick auf seine Uhr. Die Zeiger standen auf kurz vor 6 Uhr, bald würde die Sonne aufgehen und den neuen Tag einläuten. Aber es war Wochenende und die Chance, dass sich jemand um diese Zeit in Caines Wohnung verirrte ziemlich gering. Wohl oder übel musste er den Wehrlosen einen Augenblick sich selbst überlassen.

Widerwillig erhob sich der Ex-Söldner und strebte der Tür zu, als ihn ein leises Stöhnen innehalten ließ. Augenblicklich machte er auf dem Absatz kehrt und kniete sich wieder neben den Priester.

"Caine!", rief er eindringlich und musterte das Gesicht des älteren Mannes.

Die Augenlider flatterten, als der Priester darum kämpfte, das Bewusstsein wieder zu erlangen. Seine Lippen bewegten sich in einem vergeblichen Versuch zu sprechen. Kermit legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

"Pst, Caine, bleiben Sie ruhig. Ich hole Hilfe", bat er und wollte sich erheben, doch die Hand des Shambhala-Meisters zuckte in die Höhe und umklammerte sein Handgelenk.

"Nein!" Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern, dennoch transportierte der bestimmte Ton die Willensstärke und Entschlusskraft des Priesters.

Unsicher, was er tun sollte, blieb Kermit hocken, nahm Caines Hand in die seine und wartete. Die Minuten verstrichen, ohne dass etwas passierte. Endlich, nach einer kleinen Ewigkeit, als Kermit schon beinahe wieder den Entschluss gefasst hatte, doch Hilfe zu holen, öffnete der Shaolin langsam die Augen.

 

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