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| Peter bekam die köstlichsten Speisen vorgesetzt, wurde in duftenden Essenzen gebadet und durfte in dieser Nacht in einem richtigen Himmelbett schlafen. Früh am nächsten Morgen kam der König in sein Zimmer. "Komm, ich möchte dir meinen Garten zeigen." sprach er und streckte ihm einladend die Hand entgegen. Peter begleitete ihn bereitwillig. Gemeinsam wanderten sie an den üppig blühenden Rabatten entlang, die wie ein Irrgarten angelegt waren. "Vater, ich habe Angst." sagte Peter plötzlich. "Das brauchst du nicht, mein Sohn." antwortete der König. "Denn du hast einen tapferen Freund bei dir." Und er griff sachte in Peters Kitteltasche und förderte den kleinen, grünen Frosch zutage. "Kermitus ist der Ritter des Prinzen und wird ihn mit seinem Leben beschützen." Der Frosch hüpfte wie zur Bestätigung, dass er niemals von Peters Seite weichen würde, zurück in dessen Kitteltasche. Sie gingen weiter durch den Garten und betrachteten die Blütenpracht zu beiden Seiten. "Dein Garten ist wunderschön, Vater." rief Peter erfreut. "Aber Vater, werde ich meiner Aufgabe gewachsen sein? Ich meine, ich bin nur ein einfacher Bauernjunge." "Du wirst deiner Aufgabe gewachsen sein, mein Sohn." antwortete der König. "Denn du hast einen klugen Freund bei dir." Und er wies auf den Hengst Aramis, der ein Stück entfernt graste. "Aramis ist das Pferd des Prinzen und wird ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen." Aramis hob wie zur Bestätigung den Kopf und suchte Peters Blickkontakt. "Aber Vater, wie kann ich einen Ritter besiegen, der viel größer und stärker ist als ich?" fragte Peter. "Du wirst es können, mein Sohn." antwortete der König. "Denn du hast einen Freund bei dir, der dir Glück bringt." Und er wies auf das Drachenweibchen Tamari, das sich auf der Wiese hinter dem Schloss zusammen gerollt hatte und dort laut schnarchend schlief. "Jetzt sag aber nicht, Tamari sei der Drache des Prinzen!" grinste Peter. Der König lachte. "Tamari ist Tamari. Doch sie wird dir Glück bringen, wenn du es brauchst." "Vorausgesetzt, sie ist dann wach." murmelte Peter immer noch grinsend vor sich hin. "Und du hast noch etwas, Peter." fuhr der König fort. Er blieb stehen und sah Peter zärtlich an. "Du hast die Liebe eines Vaters." Peter sah zu seinem Vater, dem König auf und fühlte plötzlich einen Kloß im Hals. Der König hob seine Arme in den weiten Gewändern und hüllte Peter darin ein. Sanft drückte er ihn an sich und Peter fühlte sich mit einemmal so sicher und geborgen wie ein Kind im Mutterleib. Dann gab der König ihn wieder frei und nahm sein Gesicht in beide Hände. "Peter, du bist das Kostbarste, was ich habe. Nimm diese Gewissheit mit auf deinen schweren Weg." Das Gesicht des Königs verdunkelte sich bei dem Gedanken, was Peter bevorstand. "Sei nicht traurig, Vater." sagte Peter.
"Ich verspreche dir, dass ich bald zurückkomme." Aufbruch Dann wandte er sich wieder Peter zu. "Geh! Geh jetzt, mein Sohn, denn die Zeit ist gekommen, da du deiner Bestimmung folgen musst." Peter nickte nur. "Leb wohl, Vater." sagte er leise. "Leb wohl, mein Sohn." folgten ihm die sanften Worte seines Vaters, des Königs wie ein Nebelhauch. Im Schlosshof fand er Aramis gesattelt und gezäumt und auch ansonsten gut versorgt und ausgeruht. Peter griff in seine Kitteltasche und setzte Kermitus behutsam an seinen Platz in der Mähne des Pferdes. Das Drachenweibchen begutachtete kritisch sein Spiegelbild in einer großen Pfütze. "Ich bin total zerknautscht!" jammerte sie. "Diese Schlosshöfe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Viel zu eng für unsereinen! Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan und mir dauernd die Zehen am rechten Eckturm gestoßen. Und sieh nur," anklagend wies sie auf ihre Wange, "lauter Abdrücke von diesem schrecklichen Strohhaufen. So kann ich mich doch nirgends sehen lassen!" Peter unterdrückte ein Grinsen. "Ach was, Tamari, du siehst wundervoll aus, wie immer." widersprach er ihr so ernst und überzeugend wie möglich. "Aber ich dachte, du hättest auf der Wiese vor dem Schloss geschlafen?" "Da hab ich nur mein Morgennickerchen gehalten, weil ich es im Schlosshof nicht mehr ausgehalten habe." erklärte sie und spritzte sich Pfützenwasser ins Gesicht. "Ich weiß auch nicht, warum ich da nicht früher drauf gekommen bin. Ist es jetzt besser so?" fragte sie zweifelnd und drehte den Kopf nach allen Seiten. "Aber ja doch. Jetzt komm, wir müssen los." "Meinst du wirklich?" Tamari wandte sich zögernd von der Pfütze ab. "Ich muss doch schön sein für meinen Ritter!" Sie seufzte verliebt und klimperte mit ihren großen Augendeckeln. "Du bist schön, Tamari, wirklich!" versicherte Peter ihr schon leicht ungeduldig. "Bitte komm jetzt endlich!" Er lenkte Aramis zum Schlosstor. Verzückt vor sich hin murmelnd setzte sich das Drachenweibchen in Bewegung. Am Tor hätte sie sich beinahe den Kopf gestoßen, weil sie so damit beschäftigt war, von ihren Träumen von Kermitus zu erzählen. "Aramis, kennst du die Schwarzen Berge?" fragte Peter, während sie einen schmalen Wiesenpfad entlang ritten und in der Ferne drohend die zackigen Gipfel aufragen sahen. Dunkle Wolken ballten sich darüber zusammen. "Ich war noch nie dort, aber ich habe viele Geschichten darüber gehört." antwortete der Hengst. "Es gibt dort viele geheimnisvolle Schluchten und Täler, aber die Täler dort sind nicht lieblich wie hier, sondern klein und dunkel und erfüllt von dem Bösen. Wenn der Wind weht, fühlt er sich an wie der Hauch des Todes und heult wie Tausende verlorener Seelen. Man weiß nie, was einen in diesen Tälern erwartet. Um zur Burg des Schwarzen Ritters zu gelangen, muss man zuerst das Tal der Schlafenden Nebel durchqueren. Dann muss man die Schaurige Hochebene erklimmen. Sie ist bewachsen vom Toten Wald und darin befindet sich die Grausame Schlucht. Die Schlucht führt zum Unergründlichen See und in dessen Mitte auf dem schwärzesten Felsen, den man sich vorstellen kann, liegt die Burg des Schwarzen Ritters." Peter zog fröstelnd die Schultern zusammen. Die Sonne stand schon tief, als sie endlich den Fuß der Berge erreichten. Dunkel und drohend ragten sie über ihnen auf, ihre felsigen Wände waren kalt und glatt. Nur ein schmaler, steiniger Pfad führte hinein. Peter atmete tief durch, dann drückte er Aramis die Fersen in die Flanken. Kaum hatten sie den Pfad betreten, umfing sie kaltes Dämmerlicht. Nur weit oben zwischen den Felskanten war ein schmaler Streifen fahlen Lichtes zu sehen. Aramis' Hufschläge hallten unheimlich wieder. Peter konnte beinahe die Felswände berühren, wenn er die Arme ausstreckte, so eng war der Pfad. Tamari musste sich sehr vorsichtig bewegen, um nicht ständig links oder rechts anzustoßen. So kämpften sie sich Schritt für Schritt langsam bergauf.
Eine lange Zeit ging es so, bis sie nicht mehr
wusste, wie lange sie schon unterwegs waren, ob es Stunden waren oder
gar Tage. Da öffnete sich der Weg plötzlich unerwartet und gab
den Blick auf ein Tal frei, das völlig von Nebelschwaden verhüllt
war. Sie waren so weiß, dass es in den Augen wehtat und so dicht,
dass sie aussahen wie Daunenbetten. Die kleine Gruppe setzte ihren Weg fort, der sich nun wieder stetig nach unten schlängelte. Bald durchzogen die ersten Nebelschwaden den Pfad und waren rasch so dicht, dass Peter nur noch schemenhafte Umrisse erkennen konnte. Tamari vor ihm war ein wabernder Felsklotz, selbst Aramis' Hufe konnte er kaum mehr erkennen und er vermochte nicht zu sagen, ob die Felswände noch immer so nah am Weg waren. Langsam kroch Angst in ihm hoch. Tamari pflügte mit wild rudernden Armen durch den Nebel und hatte sichtlich Spaß daran. Die Schwaden waren so dick, dass man sie fast greifen konnte und das Drachenweibchen versuchte übermütig, sie durchzurühren oder Wege hinein zu graben. Ihre heftigen Bewegungen brachten die Nebelschwaden dazu, um sie und die anderen herum zu wirbeln und sie immer dichter einzuhüllen. "Hör auf!" keuchte Peter, der schon fast keine Luft mehr bekam, weil der Nebel ihm in Mund und Nase kroch. Doch nicht nur das, er verschluckte auch seine Stimme, als spräche er in ein Kissen und verstopfte seine Ohren. Erschrocken hielt Tamari inne und die Schwaden gaben Peters Gesicht wieder etwas mehr frei. Er rang ein paar Mal nach Luft, dann ging es ihm besser. Doch nun spürte er eine steinerne Müdigkeit in sich aufsteigen. Sie kroch von den Zehenspitzen durch seinen ganzen Körper und er wusste, wenn sie seinen Kopf erreichte, würde er unweigerlich einschlafen. Auch Aramis' Schritte wurden immer schwerer und langsamer und der kleine Frosch in seiner Mähne rührte sich nicht mehr. "Tamari!" rief Peter schwach. "Warte!" Das Drachenweibchen drehte sich zu ihm um. "Du… du kannst doch fliegen, oder?" fragte er zweifelnd. Tamari verrenkte sich den Kopf, um ihre kleinen Flügelstummelchen zu begutachten und wackelte ein paar Mal probehalber damit. "Nicht besonders gut." antwortete sie bedauernd. "Wenn ich Glück habe, komme ich ein paar Meter vom Boden weg, aber tragen kann ich niemanden, sonst falle ich runter wie ein Stein." "Macht nichts." Peter konnte kaum noch die Augen offen halten. "Versuch mal, ob du so hoch kommst, dass du über den Nebel gucken kannst. Vielleicht siehst du dann, wie weit es noch bis zum Ende des Tals ist." Tamari nickte und startete einige Versuche, um in die Luft zu kommen. Zuerst nahm sie Anlauf und schlug heftig mit den Flügeln, doch dadurch geriet der Nebel wieder in solchen Aufruhr, dass Peter fast erstickte. So musste sie es ohne Anlauf versuchen. Nach fünf Anläufen wollte sie schon entmutigt aufgeben, als sie beim sechsten doch vom Boden abhob und sich langsam in die Höhe schraubte. Juchzend verschwand sie fast sofort außer Sichtweite und Peter sah und hörte nichts mehr von ihr. Nach einer scheinbar endlosen Zeitspanne geriet der Nebel plötzlich in Aufruhr und Peter, der gerade am Einschlafen war, schreckte hoch. Mit einem dumpfen Plumps landete Tamari neben ihm auf dem Boden und rieb sich den Hintern. "Au, da war ein ganz gemeiner, ganz spitzer Stein!" maulte sie und hielt demonstrativ ein winziges Kieselsteinchen hoch. "Ha… hast du was gesehen?" fragte Peter gähnend. "Jaaaaaa, da waren ganz seltsame Männer, groß und schwarz, mit ganz langen Beinen und hohen Hüten, die haben auf dem Nebel getanzt. Hui, was für fesche Kerle!" rief sie munter. Aramis murmelte verschlafen: "Lass das bloß nicht deinen Ritter hören…" Tamari schlug sich erschrocken auf den Mund. "Willst du uns auf den Arm nehmen, Tamari?" fragte Peter empört. "Sie hat nicht geflunkert." ließ sich wieder Aramis vernehmen. "Das waren die dustinischen Nebeltänzer. Der Nebel entsteht, wenn sie tanzen." Er gähnte herzhaft. "Wir müssen zusehen, dass wir hier raus kommen, ehe uns der Nebel völlig einschläfert." "Hast du das Ende des Tals gesehen?" wandte sich Peter an das Drachenweibchen. Tamari zuckte zusammen. "Wie, was? Ach so, ja, das ist nicht mehr weit." winkte sie ab und träumte weiter von den schicken Nebeltänzern und ihrem Ritter, der noch besser tanzte, als alle anderen. Peter fand den Gedanken äußerst seltsam,
dass merkwürdige Männer über ihren Köpfen herum tanzten
und dadurch diese einschläfernden Nebelschwaden erzeugten. Aramis verneinte. "Sie sind nicht müde, denn alle Müdigkeit lenken sie in die Nebel. Sie werden erst aufhören zu tanzen, wenn der Schwarze Ritter besiegt ist. Denn vorher versuchen sie zu verhindern, dass jemand bis zu ihm vordringt." Peter gähnte. "Wir müssen zusehen, dass wir aus dem Tal heraus kommen, sonst gelingt es ihnen auch bei uns." mahnte er schläfrig und Aramis setzte sich müde in Bewegung. Jeder Schritt schien ihm unendlich schwer zu fallen und auch Peter hatte Mühe, sich auf seinem Rücken zu halten. Einmal schreckte er hoch, als Kermitus vor ihm abzurutschen begann und er fing ihn gerade noch auf, ehe er auf den Boden stürzte und im Nebel verschwand. Gerade, als Peter dachte, sich nun nicht länger gegen den Schlaf wehren zu können, begannen die Nebel sich zu lichten und der Weg stieg wieder an. Gierig sog er die frische Luft ein, die nun seine Lungen füllte und fühlte sich zunehmend wacher. Aramis' Schritt beschleunigte sich und auch das Drachenweibchen, das nun wieder deutlich zu erkennen war, stapfte deutlich munterer voran. Auf einer Anhöhe blieben sie stehen und wandten
sich um. In dem düsteren Dämmerlicht, das in diesem Land immerzu
herrschte, erkannte jetzt auch Peter die langbeinigen, schwarzen Gestalten,
die sich anmutig auf dem weißen Teppich aus Nebel bewegten, sich
hin und her wiegten, an den Händen fassten und wieder los ließen
und dabei immer wechselnde Tanzfiguren beschrieben.
Der Weg führte nun immer weiter bergan, Stunden um Stunden. Sie klommen immer höher und würden bald die Schaurige Hochebene erreichen. Die Nacht brach herein, so dunkel, wie Peter sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie konnten kaum den Weg vor sich erkennen und beschlossen, eine Rast einzulegen und den nächsten Morgen abzuwarten. Peter versuchte, einen geeigneten Platz zu finden, was beinahe unmöglich war. Da wurde der Boden flacher und mit einemmal lag die Hochebene vor ihnen, von einem fahlen Mond beleuchtet. Tote Bäume reckten ihre kahlen Äste wie Klauen gen Himmel, Käuzchen schrieen und Fledermäuse flatterten so dicht über Peters Kopf hinweg, dass er erschrocken aufschrie und Aramis beinahe durchgegangen wäre. Tamari hielt sich zitternd an einem mannshohen Felsbrocken fest, der mitten in der Ebene lag. "Hi-hier sollen w-wir schl-lafen?" stammelte sie. "Hast du eine bessere Idee?" seufzte Peter, dem der Gedanke auch nicht sehr behaglich war. "Uns wird kaum etwas anderes übrig bleiben." Er saß ab und suchte die Umgebung nach Feuerholz ab. Als er einen kleinen Haufen beisammen hatte, entfachte er hinter dem großen Felsen ein kleines Feuerchen und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stein. Es war nun nicht mehr so dunkel, seit der Mond aufgegangen war und er konnte in der Ferne die dustinischen Nebeltänzer erkennen, die sich deutlich von den weißen Nebeln abhoben. Die schaurige Ebene hinter sich versuchte er für den Moment zu vergessen. Seufzend stand er noch einmal auf, befreite Aramis für die Nacht von Sattel und Zaumzeug und nahm etwas von seinem Proviant aus den Satteltaschen. Tamari rollte sich neben dem Felsen zusammen und schnarchte bald. Peter nahm Kermitus aus Aramis' Mähne und setzte ihn sich auf die Handfläche. "Ist alles in Ordnung mit dir, Kermitus?" fragte er besorgt. Hoffentlich waren die Schlafenden Nebel nicht zuviel für den kleinen Frosch gewesen. Das kleine Tier regte sich sanft und Peter atmete auf. Wenn er hier oben bloß nicht so alleine wäre… Er wollte Kermitus gerade in seine Kitteltasche stecken, da kam ihm eine Idee. "Rana defendus!" murmelte er. Sofort hüpfte der Frosch auf dem Boden und im nächsten Moment stand der stattliche Ritter neben Peter. "Ritter Kermitus, stets zu Diensten." Er verneigte sich. "Hey, schön, dich zu sehen!" grinste Peter. Kermitus hatte die Hand an den Schwertgriff gelegt und sah sich lauernd nach allen Seiten um. "Tut mir leid, Kermitus, leider gibt es nichts zu tun für dich. Aber ich glaube, es ist besser, wenn du in dieser Umgebung deine menschliche Gestalt annimmst. Deshalb habe ich dich gerufen. Und damit…" Er stockte und sah betreten zu Boden. Kermitus sah ihn forschend an. "Damit was?" fragte er und nahm Peters Kinn in seine Hand. Der Junge seufzte und fasste sich ein Herz. "Damit ich nicht so alleine bin. Ich… es ist so unheimlich hier, dass sogar Tamari Angst hat und Aramis muss sich ausruhen." Plötzlich war er nur mehr ein kleiner Junge, der Schutz suchte und ohne zu wissen warum, lehnte er sich an Kermitus' breite Brust und hatte Mühe, die Tränen zurück zu halten. Der kampferprobte, muskulöse Ritter legte etwas unsicher die Arme um Peters schmächtige Schultern. "Hey, Junge, ist ja schon gut." murmelte er und strich ihm unbeholfen über das Haar. "Jetzt bin ich ja da." Peter schniefte und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. "Danke, Kermitus." Sie setzten sich gemeinsam ans Feuer. Kermitus sah sich prüfend um. "Nette Gegend." meinte er sarkastisch. "Wundert mich nicht, dass es einem da mulmig wird. Aber trotzdem scheinst du noch nicht so ganz verstanden zu haben, wie das mit uns Wandelfröschen funktioniert." fügte er mit einem wölfischen Grinsen hinzu. Peter grinste verlegen, dann gähnte er, dass er sich fast den Kiefer ausrenkte. Kermitus griff zu den Satteltaschen und holte Peters Decke hervor. Er wickelte den Jungen damit ein. "Leg dich hin, du schläfst ja schon im Stehen ein. Ich halte Wache." Dankbar rollte sich Peter am Feuer zusammen und war schon eingeschlafen, ehe sein Kopf den Boden berührte. Hab keine Angst, mein Sohn. Es wird alles gut. Peter fuhr aus dem Schlaf hoch und sah sich verwirrt um. "Vater?" fragte er verwundert. Doch da saß nur Kermitus an den Felsen gelehnt, die Augen geschlossen. Tamari lag daneben wie ein atmender Felsen, auf der anderen Seite stand Aramis, völlig entspannt und tief atmend. Fahles Dämmerlicht lag über der Hochebene, die Bäume wirkten nicht mehr ganz so schaurig und die Fledermäuse und Käuzchen waren verschwunden. Nur die Nebeltänzer tanzten unten im Tal nach wie vor ihren seltsamen Tanz. Der Tag war gekommen, der Tag, der in diesem Land niemals richtig hell wurde. Peter wickelte sich aus der Decke aus und stand auf. Der Himmel war bewölkt und ein kalter Wind erhob sich und pfiff über die Ebene hinweg. Aramis schüttelte sich und kam an seine Seite. Er hielt die Nüstern in den Wind. "Wir sollten uns auf den Weg machen. Es riecht nach Schnee." sagte er sachlich. Kermitus reckte sich und gähnte herzhaft. Mühsam stand er auf und rieb sich das Kreuz. "Ich hab auch schon bequemer geschlafen." grunzte er missmutig und warf einen sehnsüchtigen Blick auf Aramis' Mähne. "Schnee?" fragte er dann, als ihm bewusst wurde, was Aramis eben gesagt hatte. "Im Blühenden Land war doch schon beinahe Sommer, wie kann es da jetzt schneien?" "Du vergisst, dass wir auf einer Hochebene sind und noch dazu im Land der Finsternis. Im Gebirge ändert sich das Wetter schnell und wir sind zudem sehr hoch. Und in den Schwarzen Bergen ist immer Winter." Peter zog fröstelnd die Schultern zusammen und kramte seinen warmen Umhang aus der Satteltasche. Dann sattelte und zäumte er Aramis. "Gibt's denn kein Frühstück?" fragte Kermitus, dem der Magen knurrte. "Später." antwortete Peter. "Erst müssen wir hier weg. Wenn es wirklich anfängt zu schneien, brauchen wir einen geschützteren Platz als den hier." Er saß auf. "Kannst du zu Fuß mit uns mithalten?" "Locker!" antwortete Kermitus, dann trat
er zu Tamari und begann, sie am Bauch zu kitzeln. Sie grunzte im Schlaf,
dann riss sie mit einem erstaunten Geräusch die Augen auf und begann
schließlich haltlos zu kichern und umher zu rollen, bis der ganze
Boden vibrierte und sich kleine Steinchen lösten, die den Hang hinunter
kollerten. Kermitus ließ grinsend von ihr ab. "Bist du jetzt endlich wach, du Schlafdrache?" Tamari nickte mit Lachtränen in den Augen. Dann wurde ihr bewusst, wer sie da so durchgekitzelt hatte und sie setzte sich hin rief verzückt: "Mein schöner Ritter ist wieder da!" Dabei klimperte sie dermaßen mit den Augendeckeln, dass Peter fürchtete, sie werde den Wind damit noch verstärken. Kermitus wandte sich ab und verdrehte die Augen. "Jetzt geht das wieder los." stöhnte er leise. Laut sagte er: "Können wir dann mal endlich aufbrechen? Ich bin am Verhungern!" Also setzte sich der kleine Trupp in Bewegung. Sie waren noch nicht lange unterwegs, als das Schneetreiben einsetzte und sich bald zu einem ausgewachsenen Schneesturm entwickelte. Wieder mussten sie sich Schritt für Schritt weiter kämpfen. Peter fror trotz des Umhangs erbärmlich, auch Tamari zitterte, nur Kermitus schien die Kälte nichts auszumachen. "Menno, ein Drache ist doch kein Eisbär!" maulte Tamari und wischte sich ungehalten die Schneehaube ab, die sich auf ihrem Kopf gebildet hatte. Inzwischen mussten sie schon durch knöcheltiefen Schnee stapfen und sahen kaum noch etwas, so dicht fielen die Flocken. Aramis hatte Eiszapfen in der Mähne und auch Kermitus setzte schon welche an. "Ich fürchte, meine Rüstung rostet, wenn das noch lange so weiter geht." meinte er besorgt. "Aber zumindest kann der Wind da nicht durch pfeifen." Auch Peter begann der Magen zu knurren. Viel war zwar nicht mehr in der Satteltasche, aber ein geschütztes Plätzchen, wo sie ein Feuer machen konnten, um sich zu wärmen, wäre trotzdem nicht zu verachten. "Tamari, kannst du nicht wieder ein Stück hoch fliegen und sehen, ob du einen Unterschlupf für uns findest?" "Ge-ge-geht nicht." antwortete sie mit aufeinander schlagenden Zähnen. "Meine Flüge-gel sind einge-gefroren." Peter verlor bald jedes Zeitgefühl. Es kam ihm vor, als sei es Wochen her, dass sie durch das frühsommerliche Tal des Blühenden Landes geritten waren. Er sehnte sich so sehr danach zurück, dass es weh tat. Nach dem Tal, nach dem Königsschloss und seinem Vater, dem König und auch nach Paul und Annie, seinen Zieheltern. Selbst seine Schwestern, die ihm so oft auf die Nerven gefallen waren, fehlten ihm. Er würde sie alle niemals wieder sehen und hier oben jämmerlich erfrieren…
"Da vorne sind Felsen!" rief Kermitus und die Worte wurden ihm vom Sturm regelrecht aus dem Mund geblasen. Tatsächlich tauchten schemenhaft Felswände vor ihnen auf und öffneten sich schließlich zu einem langen Hohlweg. "Die Grausame Schlucht!" sagte Aramis. Zwischen den Felswänden war der Sturm weniger stark und das Schneegestöber weniger dicht. Unter einem Felsüberhang legten sie schließlich eine kurze Rast ein und brachten sogar ein kleines Feuer zustande. Peter hatte Äste von den kleinen toten Bäumen abgebrochen, die überall aus den Felswänden wuchsen. Wie knorrige, verkrümmte Hände sahen sie aus. Aber immerhin gaben sie ihnen jetzt ein wenig Wärme und sie konnten sich an ihrem kargen Proviant stärken. "Lange wird das nicht mehr reichen." meinte Peter mit einem besorgten Blick in die sich immer mehr leerende Satteltasche. "Wir haben noch etwas Brot und einen Krug Wasser. Wir können froh sein, wenn wir die Burg erreichen, ohne vorher verhungert und verdurstet zu sein. Aber dort wird man uns nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen oder gar bewirten, fürchte ich." "Haben wir nun einen Glücksdrachen dabei oder nicht?" antwortete Kermitus mit vollen Backen. "Wenn Tamari rechtzeitig ein bisschen was von ihrem Glück raus rückt, werden wir schon nicht verhungern." fügte er lapidar hinzu. Besagter Glücksdrache wanderte inzwischen in der Schlucht auf und ab und suchte seinerseits nach etwas Essbarem. "Was fressen Drachen eigentlich?" fragte Peter. "Keine Ahnung." antwortete Kermitus. "Vielleicht Lava oder so was? Immerhin sind es Feuerwesen." "Da wird sie hier in diesem Eiskeller aber kein Glück haben." "He!" rief Tamari da plötzlich. "Kommt mal her, hier geht es in den Felsen rein und da kommt es ganz warm raus!" Peter und Kermitus sahen sich erstaunt an und brachen dann in Gelächter aus. "Nur ein Glücksdrache findet noch im ewigen Eis einen Ofen." feixte Kermitus. Rasch packten sie ihre Sachen zusammen und löschten das Feuer, dann schwang sich Peter auf sein Pferd und mit Hufgeklapper und Rüstungsgeschepper folgten sie dem Drachenweibchen. "Dieses Ding ist wirklich verdammt unpraktisch." grollte Kermitus. "Man kann sich kaum rühren da drin." Er wand sich unbehaglich in dem Blechgewand, mit dem Erfolg, dass es nun bei jeder Bewegung entsetzlich quietschte. "Na großartig, mit Anschleichen ist nun auch nichts mehr drin." brummte er. "So hört der Schwarze Ritter uns ja auf zehn Meilen gegen den Wind kommen…" Peter lachte auf. "Du bist mir ja ein schöner Ritter!" "Du musst dich ja auch nicht mit dieser Blechbüchse abschleppen, du hast leicht reden." erwiderte sein Freund grimmig. Tamari erwartete sie vor einem Tunnel, der in den Felsen hinein führte. Tatsächlich fühlten sie wärmere Luft heraus strömen und sahen in der Ferne einen schwachen flackernden Lichtschein wie von einem Feuer. "Wo dieser Tunnel wohl hinführt?" fragte sich Peter. "Das werden wir schon sehen. Auf jeden Fall ist es besser, als in diesem fürchterlichen Schneesturm zu bleiben." Kermitus machte schon Anstalten, in den Gang hinein zu marschieren. "Warte mal, passt Tamari überhaupt da durch?" fragte Peter zweifelnd. Das Drachenweibchen bückte sich und schob sich vorsichtig in den Tunnel. "Ich glaube, es geht; drückt mir bloß die Daumen, dass ich nicht niesen muss." meinte sie. "Ich fürchte, ich hab mir in diesem Schneesturm schon wieder den Schwanz verkühlt." Peter hielt vorsichtshalber gebührenden Abstand, er hatte wenig Lust, von Tamari durch den Tunnel gepustet zu werden. Die Gaben des Schmieds Sie folgten dem Tunnel durch viele Windungen und stiegen mal hinauf und mal hinab, und Peter wunderte sich, wie sie den Feuerschein vom Eingang aus hatten sehen können, denn näher gekommen waren sie ihm noch nicht. Erst, als sie schon fast die Hoffnung aufgeben wollten, wurde der Lichtschein stärker, die Luft wärmer und sie hörten rhythmische Hammerschläge. Der Gang öffnete sich zu einer Höhle, in der ein großes Feuer loderte und davor stand ein Mann, so schwarz, wie Peter noch keinen zuvor gesehen hatte und schlug mit seinem Schmiedehammer auf etwas, das auf seinem Amboss lag. Als er die Ankömmlinge bemerkte, hielt er inne und hob den Kopf. "Ah, sieh an, ich habe euch schon erwartet! Sei willkommen, Prinz Peter!" Er verneigte sich vor Peter. "Du wusstest, dass wir kommen würden?" fragte Peter verwirrt und saß ab. "Natürlich." antwortete der Schmied und lächelte. "Alle hier im Land der Finsternis warten auf Prinz Peter, seit der Schwarze Ritter von seinem Schloss herab gestiegen ist und alle Menschen versklavt und alle Kinder geraubt hat. Seither schmiede ich an einem Schwert für den Prinzen und an Hufeisen für sein Pferd. Die Hufeisen werden Aramis überall hin tragen, wo du nur willst und das Schwert – das Schwert schneidet durch Stein, als wäre es Butter. Denn der Schwarze Ritter hat ein Herz aus Stein." Der Schmied biss die Zähne aufeinander und ballte die Fäuste. "Er hat mir meinen kleinen Sohn geraubt und mich in diese Höhle gesperrt, um für ihn seine Schwerter zu schmieden. Doch er weiß nichts von diesem besonderen Schwert." Peter schauderte, als sich der Schmied umdrehte und die Kette an seinem Fuß, die er bis dahin nicht bemerkt hatte, schaurig rasselte. Der Schmied griff in eine Felsspalte und zog ein Schwert heraus, in dessen blanker Klinge sich die tanzenden Flammen spiegelten. "Mein Feuer hat Prinz Peter zu mir geführt, damit ich ihm das hier geben kann." Er betrachtete das Schwert einige Augenblicke lang eindringlich, dann reichte er es Peter. "Nimm es und bring mir meinen kleinen Sohn zurück." sagte er und Peter sah den unendlichen Schmerz in den Augen des Mannes. Unwillkürlich sah er das Gesicht seines Vaters, des Königs vor sich, das ihn ebenso schmerzerfüllt angesehen hatte, als er seiner Bestimmung folgen musste. Seine Faust ballte sich um den Schwertgriff. "Das werde ich." versprach er grimmig. Der Schmied beschlug Aramis mit den neuen Hufeisen und als er fertig war, wies er tiefer in die Höhle hinein. "Folgt diesem Weg, er führt euch hinunter an den Unergründlichen See." "Hab Dank für alles." sagte Peter. Dann schwang er sich wieder auf Aramis' Rücken. Er wollte schon los reiten, als Kermitus, der sich bisher zurück gehalten hatte, sich an den Schmied wandte. "Ach, äh, du hast nicht zufällig ein wenig Öl für meine Rüstung?" fragte er leicht verlegen. "So, wie sie jetzt quietscht, wird der Schwarze Ritter uns am Ufer des Sees begrüßen kommen, fürchte ich." Der Schmied lächelte. "Auch dein Wunsch sei mir Befehl, tapferer Ritter Kermitus." Er holte ein Ölkännchen aus einer anderen Felsspalte hervor und ölte die Rüstung geschickt, als hätte er nie etwas anderes getan. Kermitus räkelte sich ein paar Mal und stellte erleichtert fest: "Nichts mehr zu hören. Und viel geschmeidiger ist sie auch. Meinen verbindlichsten Dank!" Er tippte sich ans Visier und verneigte sich knapp. "Es kann weiter gehen." rief er Peter zu. Tamari, die ihren Schwanz am Feuer wärmte und von deren Flügeln es leise vor sich hin tropfte, seufzte. "Schade, ich bin grade erst wieder aufgetaut. Können wir nicht noch hier bleiben?" "Komm schon!" forderte Peter sie mit einer energischen Handbewegung auf und sie setzte sich nörgelnd in Bewegung. "Menno, alle haben was bekommen, bloß ich nicht. Das ist ungerecht!" Sie stapfte missgelaunt und schniefend hinter Aramis her, der zusah, dass er ausreichend Abstand hielt. "Untersteh dich, mir auf den Hintern zu niesen!" warnte er sie. "Sonst schenke ich dir ein paar Hufabdrücke." Kermitus grinste und schritt in seiner frisch geölten Rüstung munter aus. "Ich trage ja zum Glück einen Schutzanzug." bemerkte er gelassen. "Da drin kann es dir im Zweifelsfall trotzdem ziemlich warm werden." gab Aramis trocken zurück. "Nicht, dass es noch gebratene Froschschenkel gibt, wenn du nicht aufpasst." Kermitus warf sich in Pose. "Da mache ich mir keine Sorgen, Tamari wird doch ihren geliebten Ritter nicht rösten." Im gleichen Augenblick machte Tamari hinter ihnen: "Haa – haaaa…." Kermitus machte einen erschrockenen Satz und quetschte sich scheppernd in die nächstbeste Felsnische, während Aramis schnaubend aus dem Stand angaloppierte, sodass Peter beinahe herunter fiel. Tamari hielt einen Moment inne und horchte in sich hinein, dann rieb sie sich die Nase und schniefte vernehmlich. "Doch nicht." verkündete sie schließlich und stapfte weiter, als sei nichts gewesen. "Was machst du denn da drin?" fragte sie Kermitus, der immer noch in seiner Nische klebte. "So geht doch deine Rüstung kaputt." Kermitus schälte sich ächzend aus seinem Versteck. "Wenn deine Erkältung nicht bald vorbei ist, mit Sicherheit." murmelte er grimmig und begutachtete zweifelnd ein verbogenes Armteil.
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