Autor: TempleGirl

 

Caine wanderte den Pfad entlang, der sich durch den lichten Wald sanft bergab schlängelte. Die Morgensonne warf tanzende Lichtflecken durch das hellgrüne Laub und die kühle, frische Luft strich ihm über das Gesicht. Unter seinen nackten Füßen spürte er das Moos und die Düfte des Frühlings stiegen ihm in die Nase.

Lange hatte er nicht mehr diesen Frieden in sich gespürt, hatte er sich nicht mehr Eins gefühlt mit der Welt um sich herum. Wie lange schon hatte er keinen Blick mehr gehabt für die kleinen, schönen Dinge des Lebens wie die Veilchenblüte dort oder den Gesang des kleinen Vogels irgendwo in dem Baum über ihm.

Nicht nur draußen war Winter gewesen, lang und dunkel und bitterkalt, auch innen in seiner Seele.

******

Kurz nach Weihnachten war es geschehen, die Stadt lag unter einer dicken Schneedecke begraben und die Sonne wagte sich nur selten hervor. Peter hatte schon in den vergangenen Tagen über Kopfschmerzen geklagt, sie aber seinem steifen Nacken zugeschrieben. Schließlich hatte er Caine besucht, um sich von ihm helfen zu lassen.

"Paps? Paps, bist du da?" rief er wie üblich schon von weitem.

Als er herein kam, erschrak Caine bei seinem Anblick. Peter war blass und Schweiß stand auf seiner Stirn. Besorgt legte er ihm eine Hand auf die Schulter.

"Was ist mit dir, mein Sohn? Du siehst krank aus."

"Ach was," wiegelte Peter ab. "Ich hab nur seit Tagen höllische Kopfschmerzen und kann den Kragen nicht drehen, das ist alles. Das vergeht schon wieder, wenn du mir ein paar deiner fürchterlichen Kräuter verabreichst."

Caine fühlte sanft Peters Stirn. "Du hast Fieber.", stellte er fest. Dann mischte er einige Kräuter für ihn zusammen. "Du solltest dich ausruhen."

"Dazu hab ich leider keine Zeit", erwiderte Peter. "Auf meinem Schreibtisch stapelt sich die Arbeit und außerdem haben wir heute Abend wieder mal einen Einsatz am Hafen, dort treibt eine Hehlerbande ihr Unwesen."

Peter nahm die Medizin seines Vaters an sich, ließ sich widerstrebend noch den Nacken massieren und war dann so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.

******

Peter kauerte zwischen zwei großen Containern und beobachtete das Schiff, das am Kai gegenüber fest gemacht hatte. Die Medizin seines Vaters hatte ihm kurzzeitig Linderung verschafft, aber jetzt hämmerte sein Schädel wieder unerträglich. Das Bild verschwamm ihm vor den Augen.

"Hey, nicht schlapp machen, Kumpel!", ließ sich Kermit gedämpft von oben vernehmen.

Peter massierte sich die Schläfen und stöhnte leise. Die Funksprüche bekam er nur halb mit und so hätte er um ein Haar den Einsatz verpasst.

"Zugriff!" ertönte Pauls Stimme im Kopfhörer und Peter stolperte mit erhobener Waffe aus seinem Versteck. Der Boden unter seinen Füßen schwankte und das Schiff schien um ihn herum Karussell zu fahren. Peter hörte noch Kermits entsetzen Aufschrei, dann wurde es schwarz um ihn.

******

Caine fuhr aus seiner Meditation auf. Er spürte die Schmerzen seines Sohnes beinahe körperlich und musste hilflos mit ansehen, wie er bewusstlos zu Boden sank.

"Peter!"

******

"Peter!"

Kermit stürzte zu ihm, als er ihn fallen sah. Um ihn herum tobte die Schießerei, Strenlich versenkte seine Faust in der Magengrube eines sich heftig wehrenden Ganoven und Blake stellte einem anderen, der sich gerade davon machen wollte, ein Bein. Doch Kermit nahm nichts davon wahr, er sah nur Peter, der kalkweiß und reglos auf dem Boden lag, die Waffe war aus seiner erschlafften Hand gerollt.

"Peter!" rief er noch einmal und fiel neben ihm auf die Knie.

Paul war, durch Kermits Ruf aufgeschreckt, herbei geeilt. "Was ist mit ihm?"

"Schnell, einen Krankenwagen!" ordnete Kermit an.

Paul stürzte zu seinem Wagen und forderte über Funk die Ambulanz an. Die übrigen Einsatzwagen fuhren mit den festgenommenen Straftätern ab und am nächtlichen Hafen wurde es wieder still. Kermit und Paul sprachen kein Wort, während sie warteten und Paul schauderte, als die Sirene des Krankenwagens in der Ferne geisterhaft aufheulte.

******

Caine ging benommen den Krankenhausflur entlang. Er hatte doch gespürt, dass Peter krank war, warum hatte er nichts unternommen? Warum hatte es soweit kommen müssen?

*Verzeih mir, mein Sohn…*

Paul Blaisdell saß nachdenklich auf einem der Stühle in der Wartezone. Kermit stand am Fenster, sein Blick verlor sich in der Dunkelheit dahinter. Als Paul Caine bemerkte, stand er auf und kam auf ihn zu.

"Caine! Gut, dass Sie da sind! Es sieht nicht gut aus…" Der Captain legte ihm mitfühlend die Hand auf die Schulter. "Gehen Sie zu ihm. Er braucht jetzt seinen Vater."

Caine sah ihm direkt in die Augen. "Auch Sie sind sein Vater. Sie waren für ihn da, als ich… es nicht war."

"Ihre Großmut ehrt Sie, Caine, aber in diesem Fall sind in erster Linie Sie sein Vater."

Paul fielen diese Worte nicht leicht, das spürte Caine. Er wusste, dass Paul Peter wie einen eigenen Sohn liebte und ebenfalls nicht von seiner Seite weichen würde, wenn es nur irgendwie ging. Dass er nun so feinfühlig reagierte, rechnete ihm Caine umso höher an. Er verneigte sich leicht.

Dr. Sabourin war unbemerkt zu ihnen getreten. "Sie können jetzt zu ihm", sagte sie ernst. "Caine, es tut mir so leid. Ich wünschte, ich könnte Ihnen Hoffnung machen, aber wir müssen abwarten, wie er die Nacht übersteht. Vorher wage ich keine Prognose."

"Was hat er denn?" fragte Paul. Er rieb sich nervös das Kinn und hielt den Kopf gesenkt.

"Ihr Sohn hat eine akute Meningitis", antwortete die Ärztin. "In der Regel bestehen gute Heilungschancen, wenn sie rechtzeitig erkannt und vor allem sofort behandelt wird. Geschieht das nicht…" Sie sprach nicht zu Ende, doch alle drei Männer wussten auch so, was sie sagen wollte.

Kermits Schultern verkrampften sich und er sagte leise, ohne sich umzudrehen: "Seit Tagen hat er über Kopfschmerzen geklagt und über einen steifen Nacken."

"Das sind die typischen Anzeichen, zusammen mit hohem Fieber.", bestätigte Dr. Sabourin.

"Es sieht ganz danach aus, als habe er die Krankheit bereits verschleppt. Nun hängt alles davon ab, ob und wann er das Bewusstsein wieder erlangt. Je länger er im Koma liegt, desto geringer sind seine Chancen."

Die Ärztin sprach sachlich, doch man konnte ihr ansehen, dass sie Peters Schicksal nicht kalt ließ. Sie führte Paul und Caine zu Peters Zimmer. Kermit musste zurück bleiben, da er kein naher Angehöriger war. Normalerweise hätte er sich davon nicht abhalten lassen, doch er fügte sich schweren Herzens, schon allein um Peters Willen. Seinem Freund nützte es nichts, wenn er die Ärztin zwang, ihn zu ihm zu lassen.

Beide Männer mussten sterile Kittel anziehen und Hauben aufsetzen. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, wären sie bei diesem Anblick vermutlich in Gelächter ausgebrochen.

Peter lag blass und mit geschlossenen Augen in dem Bett. Im ersten Augenblick sah es so aus, als schliefe er, doch die Monitore um ihn herum straften diesen Eindruck Lügen.

Caine zog es das Herz zusammen, als er seinen Sohn dort liegen sah. Heute Nachmittag noch war er in seine Wohnung gekommen und hatte ihn um Medizin gebeten und jetzt… Das Bild verschwamm vor seinen Augen und eine Träne rann seine Wange hinab.

*Peter, geh nicht fort!*

Er nahm Peters Hand vorsichtig in die seinen. Kummer und Verzweiflung bildeten einen Kloß in seinem Hals. Wenn Peter etwas zustieße, wenn er…wenn er stürbe, er könnte es nicht ertragen! Schon einmal hatte er ihn verloren geglaubt, schon einmal war er fast daran zerbrochen. Ein zweites Mal könnte er dem Schmerz nicht mehr standhalten.

*Mein Sohn, ich liebe dich mehr als alles andere!*

Sanft strich er seinem Sohn das Haar aus dem Gesicht, beugte sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.

Paul war rücksichtsvoll an der Tür stehen geblieben, obwohl er am liebsten auch sofort an Peters Seite geeilt wäre. Doch dieser Moment gehörte Caine, so schwer es ihm fiel. Er schluckte, als er mit ansehen musste, wie der sonst so in sich ruhende Mann sichtlich um Fassung rang. Behutsam trat Paul näher und legte Caine die Hand auf die Schulter. Er fühlte, wie sich die Muskeln des Shaolin strafften. Caine wandte sich zu ihm um, und sein Gesichtsausdruck berührte Paul. Tiefe Trauer stand in seinen Augen, aber auch Dankbarkeit, in dieser Situation nicht alleine zu sein.

Caine wandte sich wieder seinem Sohn zu und begann nun, mit den Händen dessen Energien zu erspüren. Sein Chi war sehr schwach und die Energie wie erwartet auf den Kopf konzentriert. Hier loderte sie, während der übrige Körper unterversorgt war. Caine musste die Energieströme wieder ins Gleichgewicht bringen, wenn er Peter helfen wollte. Ihm blieb nicht viel Zeit.

Paul war inzwischen an die andere Seite des Bettes getreten, hatte sich auf die Bettkante gesetzt, Peters Hand ergriffen und hielt stumme Zwiesprache mit seinem Pflegesohn.

*Du dummer Junge, immer denkst du an alles andere, an deine Arbeit, riskierst alles für deine Familie, aber an dich selbst denkst du zuletzt. Du zögerst nicht, andere zu beschützen, aber auf dich selbst passt du nicht auf. Warum bist du nicht zu Hause geblieben oder zum Arzt gegangen? Oder…oder zu deinem Vater?*

Paul blickte zu Caine hinüber, der sich auf einen Hocker gesetzt hatte und wirkte, als hielte er Wache.

"War Peter mit seinen Beschwerden bei Ihnen?", erkundigte er sich.

Caine nickte. "Er kam heute Nachmittag und ich habe ihm eine Medizin gegeben."

"Aber sie hat ihm nicht geholfen.", stellte Paul bitter fest. "Und er hatte die Beschwerden doch schon länger. Haben Sie nichts davon gemerkt?"

Caine antwortete nicht sofort. "Ich habe gespürt, dass sein Chi nicht im Gleichgewicht ist, seit einigen Tagen."

Paul biss die Zähne zusammen. "Er hat eine Hirnhautentzündung, das ist wohl ein bisschen mehr, als ein aus dem Gleichgewicht geratenes Chi und offensichtlich braucht es hier auch mehr, als ein paar Kräuter und Handbewegungen." Er seufzte und stand auf. "Aber lassen Sie uns draußen weiter reden."

Im Flur wartete Kermit schon angespannt auf sie. "Wie geht es ihm?" fragte er.

Ein Blick in die Gesichter beider Männer genügte ihm als Antwort. "Verflucht, warum muss er nur immer den Helden spielen? >Wegen dem bisschen Kopfweh bleib ich doch nicht zu Hause!<" ahmte er Peter nach.

"Das hilft uns jetzt alles nichts." Paul klang müde. "Nicht einmal sein Vater kann ihm jetzt helfen."

"Seine Energien müssen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden…", begann Caine, doch Paul unterbrach ihn ungeduldig.

"Hier hilft kein Shaolin-Firlefanz mehr, haben Sie das noch immer nicht verstanden, Caine? Peter wird vielleicht sterben und daran können irgendwelche verlagerten Energien auch nichts mehr ändern!", brach es aus ihm hervor. "Wenn Sie so fest daran glauben, dass das, was Sie tun, ihm hilft, warum haben Sie ihm dann nicht schon früher geholfen?"

Paul war außer sich vor Wut und Verzweiflung, er suchte blindlings nach einem Schuldigen für Peters Zustand. "Vielleicht hätte es gar nicht erst so weit kommen müssen! Sonst spüren Sie doch auch, wenn es ihm schlecht geht! Warum haben Sie das zugelassen?"

"Captain…" Kermit versuchte, zu intervenieren, doch Paul stieß ihn unwillig weg.

"Ich habe gespürt, dass etwas mit ihm nicht stimmte...", räumte Caine ein.

"Aber Sie haben nichts getan! Nichts!" Paul funkelte den schmächtigen Shaolin an.

"Captain…", versuchte Kermit es erneut.

Paul wirbelte zu ihm herum. "Detective, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können! Hier geht es um meinen Sohn!" fauchte er Kermit an, jedes Wort einzeln betonend. Dann ließ er die beiden Männer stehen und rauschte mit wehendem Mantel ab.

"Und ich dachte, Peter wäre in erster Linie Caines Sohn…" murmelte Kermit und rückte sich die Brille zurecht.

Caine stand da, die Hände vor dem Bauch gefaltet und blickte Paul scheinbar unbewegt nach. Er verstand dessen Gefühle von Wut und Verzweiflung nur zu gut, schließlich ging es ihm nicht anders. Caine schätzte Paul sehr, er empfand große Dankbarkeit, dass dieser sich um Peter gekümmert und ihm ein Zuhause und eine Familie gegeben hatte. Das würde sich auch nie ändern, egal, was geschah, doch Caine spürte, dass sich etwas zwischen ihm und Paul verändert hatte und das stimmte ihn traurig.

"Caine…" Kermit legte ihm etwas unbeholfen die Hand auf die Schulter. "Nehmen Sie ihm das nicht übel, er… er ist mit den Nerven runter." Er suchte nach den richtigen Worten. "Peter bedeutet ihm sehr viel, es bricht ihm das Herz, ihn so zu sehen und nichts tun zu können."

Caine wandte sich zu ihm um und sah ihm in die Augen. "Das weiß ich. Er ist…sein Sohn."

Kermit blieb einen Moment die Spucke weg. Er war von Caine eine Menge gewohnt, aber mit so einer Antwort hatte er nicht gerechnet. Jeder andere an seiner Stelle hätte seine Vaterstelle mit Zähnen und Klauen verteidigt.

"Aber…" setzte er an, doch ihm fiel nichts ein, was er dem entgegen setzen konnte. Peter war auch Pauls Sohn.

"Peter hat das große Glück, zwei Väter zu haben." sprach Caine seine Gedanken aus.

"Allerdings ist dies der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um sich darüber zu streiten, wer mehr sein Vater ist…", meinte Kermit trocken mit einem Blick in die Richtung, in der Paul verschwunden war. "Er braucht Sie beide."

"Ich habe nicht vor, mich darüber zu streiten.", erwiderte Caine bedächtig. "Peter ist mein Fleisch und Blut... Aber Sie haben recht, Kermit, er braucht uns beide. Seine Energieströme sind nicht im Gleichgewicht und sein Chi ist sehr schwach. Es gibt ein Ritual, mit dem wir ihm helfen können, doch dazu müssen drei Menschen, die ihm sehr nahe stehen, ihr Chi vereinen."

"Das heißt, Sie brauchen Blaisdell und noch jemanden?" fragte Kermit. Caine nickte.

"Sie sind Peters Freund, mehr als das."

Kermit würde keinen Augenblick zögern, um Peter zu helfen, doch eigentlich hatte er eher damit gerechnet, dass hier eine Geliebte Peters vonnöten sein würde. Deshalb war er einen Moment lang irritiert, doch dann sagte er ohne Umschweife: "Ich bin dabei."

 

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