|
Das Rauschen der Dusche riss beide Männer aus ihrer Nachdenklichkeit. "Cara ist wieder wach", meinte Peter überflüssigerweise. Wenig später betrat sie das Wohnzimmer mit nassen Haaren, gekleidet in ein übergroßes T-Shirt, das ihr weit über die Knie reichte und ein paar Shorts. In dem Aufzug wirkte sie auf die beiden Männer wie ein kleines, schutzbedürftiges Mädchen. "Na, wie fühlst du dich?", unterbrach Kermit die Stille. "Als hätte mich ein riesiger Drache verschlungen, dann wieder ausgekotzt und das direkt vor einen Bus, der mich dann freudig grinsend überrollt hat", gab sie zurück. Kermit hatte Mühe bei dieser Aussage ernst zu bleiben. Cara schoss Peter einen bösen Blick zu. "Du hättest mich zumindest warnen können, dass es mir hinterher so schlecht geht. Das war ziemlich unfair von dir." Peter zog schuldbewusst seinen Kopf ein. "Tut mir leid, Cara." Er bedachte sie mit seinem berühmten unschuldigen, bittenden Augenaufschlag, wirkte dabei wie ein trauriger kleiner Junge, dem man das Spielzeug weggenommen hatte. Dieser Blick hatte noch nie beim weiblichen Geschlecht versagt. Auch hier zeigte er seine Wirkung. "Schau mich mit deinem Dackelblick nicht so an", war alles was sie noch dazu sagte, bevor sie sich mit angezogenen Knien an das andere Ende der Couch kauerte. Kermit wagte einen direkten Vorstoß. "Cara, kannst du dich daran erinnern, ob sich noch etwas anderes als Bücher in der Kiste befunden hat?" "Natürlich, die Erinnerung ist, dank Peter", erneut ein scharfer Seitenblick "ziemlich frisch. Es befanden sich nur Bücher drin, sonst nichts." "Fehlanzeige", murmelte Peter. "Verdammter Mist", kam es von Kermit. Cara blickte von einem zum anderen. "Habe ich was Falsches gesagt?", erkundigte sie sich. "Nein, nein. Die Sache ist die: Für eines dieser Bücher, die dir gestohlen wurden, gibt es einen Schlüssel. Das ist der Gegenstand hinter dem die Sing Wah her sind", erklärte Peter. "Tut mir leid, damit kann ich leider nicht dienen. In der Kiste befand sich kein Schlüssel." Kermit wandte sich an Peter. "Ich glaube nicht, dass ich das nun sage, aber…Peter, kannst du nicht deine...uh...Kräfte benutzen, um heraus zu finden, wo sich dieser Schlüssel befindet?" "Und wie soll ich das anstellen? Ein Schlüssel besitzt kein Chi, nach dem man suchen kann. Um heraus zu finden, wo er sich befindet, bräuchte ich zumindest das Buch. Vielleicht könnte es mein Vater oder Lo Si, aber die sind nun mal beide nicht hier. Wir sind vollkommen auf uns alleine gestellt und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wo wir die Suche ansetzen sollen. Er könnte sich überall befinden. Irgendwo in einer Nische, ganz offen an einem Schlüsselbrett, in einem Umschlag, einfach überall", beschwerte sich Peter. "Dein Vater hat mir einmal erzählt, dass jeder Gegenstand eine gewisse Energie in sich birgt", gab Kermit zurück. "Sicherlich. Doch ich müsste diese Energie mindestens einmal gespürt haben, bevor ich nach ihr suchen könnte und selbst dann wäre ich sehr wahrscheinlich erfolglos. Meine Kräfte sind noch lange nicht so weit entwickelt, wie die meines Vaters oder Lo Sis. Ich bin nur ein Mensch, kein Shambhala Meister wie mein Vater." Cara sprang wie von der Tarantel gestochen vom Sofa hoch. "Moment bin gleich zurück", murmelte sie und eilte aus dem Zimmer. Mit einem Umschlag in der Hand tauchte sie wieder auf. "Am Tag als ich die Kiste erhielt, befand sich dieser Umschlag von Mr. Singer in meiner Post. Ich dachte, das sei mein Gehaltsscheck und habe ihn achtlos in meine Hosentasche gesteckt und ihn dort total vergessen...bis jetzt." Peter streckte die Hand nach dem Umschlag aus, den sie ihm mit zitternden Fingern überreichte. Atemlose Stille herrschte, als der junge Priester den Umschlag aufriss. Er drehte ihn herum und ließ den Inhalt auf den Tisch fallen. Mit einem leisen 'Pling' fielen der Schlüssel in Form des Sonnenzeichens von Shambhala und ein gefalteter Zettel auf den Tisch. Mit großen Augen starrte Peter auf die Gegenstände. Er konnte es nicht fassen, dass sich das Sonnenzeichen von Shambhala die ganze Zeit hier in diesem Haus befunden hatte. Nun, da das Zeichen von Shambhala offen vor ihm lag, spürte er deutlich die geballte Energie, die von dem Gegenstand ausging. Er fragte sich, warum er das nicht schon früher gespürt hatte. So stark wie diese Energie war, hätte er das Buch gar nicht benötigt, um das zu erkennen. "Cara, hattest du diese Hose an, als wir in deine Gedanken gereist sind?", fragte er. "Ja, natürlich. Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mich umzuziehen. Als ich duschte, hatte ich noch nicht ausgepackt. Das habe ich erst jetzt erledigt", entgegnete sie. Peter fiel es wie Schuppen von den Augen. Diesen starken Energiestrom, den er bei Cara gespürt hatte, war nicht von ihr, sondern von dem Gegenstand in ihrer Hosentasche gekommen. Daher hatte er es nicht erkannt. Er schämte sich deswegen. Sein Vater hätte das sofort erkannt, und er, Peter, hatte wieder einmal kläglich versagt. Dabei hatte ihm sein Vater mehr als einmal einzutrichtern versucht, dass er sich nicht nur auf seine Augen und sein Gespür verlassen, sondern auch hinter die Fassade blicken sollte. Wozu war er Shaolin Priester, wenn er seinen Kräften noch immer nicht vollkommen vertraute? Wenn er es noch immer nicht schaffte, die Energie einer Person und die Energie eines Gegenstandes auseinander zu halten? Hatte er etwa in seinem Training im Tempel doch nichts dazu gelernt? Kermit schnappte sich den Zettel und las ihn. Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich mehr und mehr. Peter schüttelte die düsteren Gedanken ab, die ihn plagten. "Was steht drin?" erkundigte er sich, da ihm die Veränderung in Kermits Verhalten suspekt vorkam. "Lies selbst", meinte Kermit und reichte ihm den Zettel. "Hey, ich bin auch noch da. Immerhin ist die Nachricht für mich bestimmt gewesen", protestierte Cara. "Nein, ist sie nicht", entgegnete Kermit. "Hä?" Cara schaute Kermit mit großen Augen an. Peter ließ den Zettel mit einem tiefen Seufzen sinken. Ein undefinierbarer, geschockter Ausdruck lag in seinen Augen. Cara nahm Peter den Zettel aus den Händen und las die kurze Nachricht drei mal durch: Shaolin, Nur diese wenigen Worte, die für sie absolut keinen Sinn ergaben. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Tausend Fragen und auf keine Einzige hatte sie eine Antwort. Wer war Mr. Singer in Wirklichkeit? Hatte Mr. Singer seinen baldigen Tod geahnt? Woher konnte er wissen, dass sie hier landete? Wer hatte sonst noch die Hände in diesem "Spiel"? Warum hatte er die Kiste ausgerechnet zu ihr geschickt? Wie war sie in die ganze Sache verwickelt? War sie nur eine Schachfigur in einem Spiel, das sie nicht begriff? Innerhalb eines Tages war ihre gesamte Welt total auf den Kopf gestellt geworden. Nichts war mehr so, wie es gewesen war. In der kurzen Zeit hatte sie Dinge erlebt, die sie nie für möglich gehalten hatte. Das Ganze ging schlicht und ergreifend über ihren Verstand. Sie kam sich vor, wie in einem miesen Albtraum und hoffte bald aufwachen zu können. Leider schlief sie nicht. Hilfesuchend blickte sie zu den beiden Männern. "Aber wie ist das möglich?" flüsterte sie. Der Horror spiegelte sich in ihren Augen wieder. Simultanes Schulterzucken war die Antwort. Keiner konnte sich erklären, was hier vor sich ging. Cara hielt die Spannung, die in dem Raum lag, keine Sekunde länger aus. Sie sprang auf die Füße. "Ich brauche dringend frische Luft", murmelte sie und eilte schnurstracks auf die Terrasse zu. Kermit, der ihr nachgehen wollte, wurde von Peter zurück gehalten. "Lass sie, sie braucht einen Moment für sich, um mit allem zurecht zu kommen." Kermit schüttelte verwirrt den Kopf. "Wie kann sie das? Ich verstehe auch nur noch Bahnhof." Peter seufzte leise. "Nicht nur du, Kermit. Je tiefer wir in diesen Fall dringen, desto undurchsichtiger wird er. Dieser Mr. Singer passt absolut nicht in das Bild und Cara gleich zwei Mal nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin uns das noch führen wird." Kermit verdrehte die Augen hinter seiner Sonnenbrille gen Himmel. "Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist dass wir diesen Gegenstand ganz schnell an einen sicheren Ort bringen sollten." "Gibt es überhaupt einen sicheren Ort auf dieser Welt?", gab Peter zurück. "Herrgott noch mal, Peter! Fang nicht auch noch an wie dein Vater zu reden. Die Sing Wah dürfen den Schlüssel unter keinen Umständen in die Finger bekommen. Wenn sie weiterhin so offen auf dem Tisch liegen, bringt uns das auch nicht weiter. Ganz im Gegenteil. Außerdem habe ich die Befürchtung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie wissen, wo sich Cara aufhält. Auch dagegen sollten wir dringend etwas unternehmen." Peter bewahrte seine Ruhe. Ganz im Gegensatz zu seinem Freund, dem der Ärger deutlich anzusehen war. "Wenn Lo Si hier wäre, dann wüsste ich eine Lösung, aber so? Warum mussten er und mein Vater auch gleichzeitig verschwinden? Lo Si hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um seine Nichte zu besuchen." "Rufe ihn doch an und bitte ihn her zu kommen." "Das könnte ich zwar tun, doch ich fürchte es wird zu spät sein, da er sich zur Zeit in China aufhält. Er kann nicht rechtzeitig hier sein, der Flug dauert zu lange und mir sagt mein Gefühl, dass sich bald etwas tun wird." "Wir sollten Cara doch in ein Spezialversteck bringen." "Es ist nur die Frage wohin? Bei den Verbindungen der Sing Wah ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie herausbekommen, wo sie steckt. Ich muss dir doch wohl nicht extra sagen, dass das vollkommen zwecklos ist. Bei dem, was hier auf dem Spiel steht, werden die Sing Wah keinen Stein auf dem anderen lassen, um an das zu kommen, was sie haben wollen." "Es geht mir nur verdammt gegen den Strich, dass eine unbeteiligte Person in so etwas hinein gezogen wird. Sie kann sich ja nicht einmal selbst verteidigen", erwiderte Kermit ruppig, mit einem mehr als besorgten Unterton in der Stimme. Peter blickte seinem Freund fest in die Augen. "Kermit, es bringt nichts, sich darüber Gedanken zu machen. Das wirst du in der kurzen Zeit auch nicht mehr ändern können. Solange sie bei uns ist, haben wir noch eine Chance!" "Oder auch nicht..." "Kermit!", schnitt Peter ihm entschieden das Wort ab. Kermit seufzte leise. Ganz entgegen seiner Art gab er diesmal nach. "Du hast ja recht. Bei uns ist sie am besten aufgehoben, aber was machen wir mit dem Sonnenzeichen von Shambhala?" Beide dachten angestrengt nach. Kermit blickte auf seine Uhr. Sie zeigte weit nach Mitternacht. Kein Wunder, dass er sich so müde und gleichzeitig so aufgekratzt fühlte. Sein Magen war ein einziger, fester Knoten, doch das war bei dem Ganzen, das sie hier erlebten, kein Wunder. Seine geschärften Sinne teilten ihm jedenfalls mit, dass keine Gefahr im Anzug war. Einer Eingebung zufolge erhob er sich. "Weißt du was, Peter? Zwar sollte ich erst morgen früh auf dem Revier auftauchen, doch ich kann eh nicht schlafen. Ich denke, heute wird hier nichts mehr passieren. Also werde ich mich auf die Socken machen und morgen früh wieder hier sein. Den Schlüssel nehme ich mit und verstaue ihn im Tresor auf dem Revier. Da ist er vorerst sicher. Nicht einmal die Sing Wah sind so verrückt, in ein Revier voll mit Cops, einzudringen...zumindest nicht ohne genügend Vorbereitungszeit. Und die haben sie nicht." Peter nickte zustimmend. "Eine gute Idee. Somit haben wir vorerst mal eine Sorge los. Ich werde ein wachsames Auge auf Cara werfen." Nachdem Kermit gegangen war, beschloss Peter ein
kleines Training einzulegen. Er spürte Caras Bedürfnis alleine
zu sein und wollte sie nicht stören. Außerdem würde es
ihm gut tun, sich eine Weile körperlich abzureagieren. Er verspürte
ein großes Verlangen zu meditieren, seine Mitte zu finden und dann
einige Übungen zu exerzieren. Der heutige Tag war ihm ziemlich an
die Nieren gegangen. An Schlaf war nicht zu denken. Da konnte es auch
nicht schaden, wenn er an seiner Form arbeitete. Eine gute Stunde später fühlte er sich wesentlich besser. Die Übungen hatten ihm geholfen, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Er sah nun einige Dinge wesentlich klarer als noch vor wenigen Stunden. Seinen Vater hatte er zwar nicht erreichen können, aber die innere Ruhe war zurückgekehrt. Peter warf einen kurzen Blick auf die Terrasse. Er entdeckte Cara, die mit angezogenen Beinen ganz am Rande der Terrasse auf dem Boden saß und Löcher in die Luft starrte. Lautlos betrat er die Terrasse und ging zu ihr. "Was dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?", fragte er leise. "Es ist dein Haus", erwiderte sie nicht gerade begeistert. Peter fasste das als Einladung auf, sich neben sie zu setzen. Eine Weile saßen sie nur schweigend nebeneinander. Peter nutzte seine Fähigkeit, erweiterte sein Chi und versuchte zu ergründen, wie sich Cara fühlte. Eine Welle von Einsamkeit, Trauer, Schmerz, Leere und Hilflosigkeit schwappte auf ihn über. Er konnte das gut verstehen, all zu oft fühlte er sich genauso. Ihm war klar, dass Cara erst all das verarbeiten musste, was sie hier erlebte. Vielleicht konnte er ihr ein wenig helfen. "Willst du reden?", fragte er. Cara antwortete eine ganze Weile nicht, schließlich meinte sie: "Nein...ja.… Ach, ich weiß nicht." Peter rückte ein wenig näher, so dass sie sich an den Schultern leicht berührten. Dass Cara sich nicht zurück zog wertete er als gutes Zeichen. "Wie kannst du all das", sie machte eine weitausschweifende Handbewegung "nur ertragen", meinte sie völlig übergangslos. "Es ist meine Bestimmung, mein Pfad, dem ich folgen muss", entgegnete er sanft. "Und wie bist du zu der Erkenntnis gelangt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir das so leicht gefallen ist, wie du mir glauben machen willst." Peter atmete tief ein. "Nein, das war es auch nicht. Es war ein langer, harter und steiniger Weg und ich stehe erst am Anfang." "Am Anfang von was?" "Am Anfang von meiner Bestimmung, meinem Schicksal. Wie immer du es nennen willst. Ich habe lange gebraucht, um es zu akzeptieren. Aber nun bin ich sicher, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben", kam es zuversichtlicher von Peter, als er sich fühlte. "Wirklich? Du bist dir vollkommen sicher?" Ein leicht ungläubiger Ton lag in Caras Stimme. Peter fühlte sich ertappt. Er spürte, wie sich die Hitze in seinen Wangen ausbreitete. Unbewusst hatte sie genau jenen Punkt getroffen, um den sich sein Denken fast Tag und Nacht drehte. Wie sollte er einem anderen Menschen erklären, was in ihm vorging, wenn er es selbst oft nicht verstand? "Die meiste Zeit zumindest. Wer weiß schon, wohin das Schicksal uns noch alles führen wird." Cara akzeptierte stillschweigend seine ausweichende Antwort. Mit der nächsten Frage wechselte sie das Thema. "Wie bist du hierher gekommen? Shaolin Priester trifft man nicht alle Tage." Peter erkannte, dass sich Cara von ihren Gedanken, die sie beschäftigten, ablenken wollte. Er begann mit leiser Stimme seine Lebensgeschichte zu erzählen. Damit konnte er zumindest sicher sein, sie eine Weile zu beschäftigen. Dieses Thema war auf jeden Fall sicherer, als eine Diskussion um seine Zukunft. Er begann mit dem Tod seiner Mutter und endete mit dem letzten Weggang seines Vaters Obwohl Peter versuchte, alles so emotionslos wie möglich zu erzählen, war Cara der traurige Unterton und das leichte Zittern in seiner Stimme nicht entgangen. Vor allem als er über den Weggang seiner beiden Väter erzählte. Zum ersten Mal seitdem sie hier draußen saßen, wandte sie sich ihm voll zu. Das sanfte Mondlicht fiel genau auf ihr Gesicht, so dass er die ungeweinten Tränen in ihren Augen glitzern sehen konnte. "Du hast ein großes Problem damit, dass dich beide Väter verlassen haben. Du kannst es kaum verkraften, nicht wahr?" fragte sie prompt. Peter hielt ihrem forschenden Blick stand, er ergriff ihre zitternden Hände und hielt sie fest. "Ja, das habe ich. Ich fühle mich oft einsam ohne sie, aber ich weiß auch, dass ich sie eines Tages wiedersehen werde. Beide sind ihrem Schicksal gefolgt, sie konnten sich nicht dagegen wehren. Niemand kann seinem Schicksal entrinnen. Da spielt es keine Rolle, wie sehr man sich wünscht, dass alles anders wäre." Cara seufzte tief. "Weißt du, Peter, eigentlich hast du sogar noch Glück, trotz all dem Schrecklichen, das du durchmachen musstest. Deine Väter leben noch. Du hast die Gewissheit, dass du sie irgendwann wieder triffst und du hast nach wie vor noch Annie, Carolin und Kelly, die dich bedingungslos lieben. Aber ich...ich habe heute auch den letzten Menschen verloren, der mir etwas bedeutet hat. Den Tod kann man nicht mehr rückgängig machen." Peter wischte Cara mit dem Daumen sanft eine einzelne Träne ab und zog sie in seine Arme. "Ich kann dir genau nachfühlen, wie es dir im Moment geht, Cara. Erzähl mir ein wenig von deinen Eltern und von Mr. Singer." "Das macht sie auch nicht wieder lebendig", erwiderte Cara und löste sich abrupt aus seiner lockeren Umarmung. Die Knie eng an sich gezogen, schaukelte sie hin und her, gefangen in ihrem Schmerz, den sie fast nicht ertragen konnte. Peter ging es schwer ans Herz, sie so zu sehen. Er spürte ihre innere Zerrissenheit so deutlich, als wäre es seine eigene. Wie lange war es her, seitdem jemand sie einfach nur so in die Arme genommen hatte, fragte er sich. "Nein, es macht sie nicht wieder lebendig. Aber es wird dir gut tun, wenn du den Schmerz mit Jemand anderem teilen kannst. Ich bin da für dich, Cara", erwiderte Peter gedämpft. "Ja sicher, du bist da für mich...natürlich...was denn sonst. Das sagst du sicher zu jedem Menschen, den du nicht einmal 24 Stunden kennst. Oder bist du gerade dabei, deine neue Masche zu testen?", versetzte sie mit beißendem Spott. Peter blieb ruhig. Sie versuchte gerade jeden von sich zu stoßen, der es gut mit ihr meinte. Das kannte er gut genug von sich selber. In ihrem Schmerz schlug sie verbal blindlings um sich, wollte so unbewusst alles von sich fern halten. "Cara, sieh mir in die Augen und du wirst erkennen, dass ich die Wahrheit sage. Ich brauche keine Wochen oder Monate, um zu erkennen, dass du ein ganz besonderer Mensch bist, mit einem großen Herzen und einer sanften Seele", erwiderte er weich. Cara schluckte hart. Normalerweise wandten sich die Menschen sofort von ihr ab, wenn sie in so einem verletzenden Ton mit ihnen sprach - nicht so Peter. Peter legte die Hände um ihre Wangen, brachte sie mit sanftem Nachdruck dazu, ihm in die Augen zu sehen. Sein Blick war offen und frei. Erstaunt erkannte sie, dass er tatsächlich genau das meinte, was er sagte. "Teile deinen Schmerz mit mir", flüsterte er, nicht einen Moment den Blick von ihr abwendend. Etwas unbeschreibbares passierte in diesem Moment. Ihr schien es, als ob eine warme Welle über und durch ihren Körper schwappte. Die kleine Flamme in ihrem Inneren, die heute Nachmittag so plötzlich erloschen war, begann wieder zu flackern. Ein kleines helles Licht am Ende des dunklen Korridors. Als Peter die Hände von ihrem Gesicht löste und nun seine Arme ausbreitete, schmiegte sie sich wie selbstverständlich an ihn. Mit leiser Stimme kam sie seiner Bitte nach. "Meine Eltern waren sehr liebe und nette Menschen. Sie waren äußerst hilfsbereit und überall beliebt. Besonders meine Mutter hatte eine Gabe, Menschen für sich einzunehmen. Sie musste sie nur anschauen und sie waren ihr verfallen. Ich wuchs sehr behütet bei ihnen auf. Ich war ihr ein und alles und umgekehrt bedeutete sie die Welt für mich. "Als ich einen Freund fand und mich mit ihm verlobte, nahmen sie ihn sofort mit in die Familie auf. Sie behandelten ihn wie einen Sohn. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je einen richtigen Streit hatten, dazu waren sie alle drei viel zu lieb." Ihre Stimme brach einen kurzen Moment lang. Peter zog Cara ein wenig näher an sich, wollte sie spüren lassen, dass sie nicht alleine war. "Dann passierte dieser schreckliche Unfall. Ein Trucker, der hinter dem Steuer eingeschlafen ist, hat den Wagen meiner Eltern, in dem auch mein Verlobter saß, erfasst. Sie waren alle drei sofort tot." Die junge Frau hielt inne und schluckte ein paar Mal kräftig, bevor sie weiter reden konnte. "Die Tage nach ihrem tragischen Tod bekam ich nur am Rande mit. Man hatte mir starke Medikamente gegeben, damit ich das alles durchstehen konnte. Nachdem ich wieder einigermaßen auf dem Damm war und alle Formalitäten erledigt hatte, verkaufte ich das Haus meiner Eltern und bin hierher nach Sloanville gezogen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, weiter dort zu leben, wo ich so glücklich war. "Ich habe mir mit voller Absicht ein Häuschen am Waldrand gekauft. Ich konnte es nicht ertragen, lachende Menschen um mich zu sehen. Durch den Hausverkauf und die Summe, die meine Eltern für mich gespart hatten, konnte ich es mir leisten, mich total von allem zurückzuziehen. Ich verkroch mich immer mehr, ließ mir sogar die Lebensmittel ins Haus schicken. "Das einzige was ich tat, war stundenlang durch den Wald zu wandern und nachzudenken. Bei einem meiner langen Spaziergänge habe ich dann Mr. Singer getroffen. Er war ein freundlicher, alter Mann, der solch eine Ruhe und einen Frieden ausstrahlte, dass ich einfach nicht anders konnte, als mich mit ihm zu unterhalten. Rein zufällig trafen wir uns immer öfter bei unseren Spaziergängen, die Gespräche wurden länger. Er half mir sehr mit meiner Trauer zurecht zu kommen. "Eines Abends klingelte es an meiner Haustüre und Mr. Singer stand davor. Er hielt einen Korb mit einem kleinen Kätzchen in der Hand und meinte, das kleine Ding würde dringend ein neues Zuhause brauchen. Zuerst wollte ich nicht, aber als ich dann dieses kleine, hilflose Wesen in meinen Händen hielt, musste ich ihn einfach behalten. Ich taufte ihn auf den Namen Benny und der kleine Kater wuchs mir immer mehr ans Herz. So oft ich traurig war und weinend auf meinem Sofa kauerte, kam er zu mir, stupste mich mit seiner rosa Nase an und sah mich an, als wollte er mir sagen: Du bist nicht mehr alleine. "Ein paar Tage später kam dann Mr. Singer wieder vorbei und fragte mich, ob ich freiberuflich für ihn arbeiten wolle. Er bräuchte Jemanden, der seine Bücher katalogisierte. Ich wollte zuerst nicht. Das hätte für mich ja bedeutet, dass ich in die Stadt kommen musste, aber irgendwie hat er es geschafft mich zu überzeugen. "Ich weiß noch wie heute, wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal in seinem Laden stand. Ich habe am ganzen Leib gezittert und wäre am liebsten weggerannt. Er hat das nicht zugelassen, sondern mir gezeigt, dass ich auch mit der realen Welt, die ich seit dem Tod meiner Eltern und meines Verlobten ausgeschlossen hatte, zurecht kommen konnte. "Um es auf den Punkt zu bringen war Mr. Singer mehr eine Vaterfigur für mich, als mein Arbeitgeber. Ich habe ihm total vertraut. Egal was passierte, er fand immer die richtigen Worte. Er tröstete mich, wenn ich mal wieder kurz davor war zusammenzubrechen. Er spornte mich an, wenn ich meinte, etwas nicht schaffen zu können und er schimpfte auch mit mir, wenn ich anfing zu schludern. "Am liebsten hat er kryptische Phrasen benutzt, über die ich erst lange nachdenken musste, bevor ich zumindest Ansatzweise verstand, was er meinte. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl er sei nicht von dieser Welt. Er schien oft Dinge einfach zu wissen, bevor ich sie überhaupt ausgesprochen habe. Es kann schon beängstigend sein, wenn man eine Antwort auf eine Frage bekommt, die man nur gedacht hat. Einmal habe ich ihn gefragt wie er das machte und er meinte er würde es an meinen Augen erkennen was ich dachte. Ich habe die Sache dann auf sich beruhen lassen. "Auf jeden Fall, ich weiß nicht wie, hat er es geschafft, mir mein Selbstbewusstsein wieder zu geben. Ich habe ihn sehr bewundert und ich habe mir oft gewünscht, so im Einklang mit mir zu sein, wie er es mit sich war. Seine Nähe hatte immer einen äußerst beruhigenden Einfluss auf mich. "Alleine ihm habe ich es zu verdanken, dass ich nicht vor die Hunde ging und jetzt... jetzt ist er tot. Hat mich einfach alleine gelassen, wie alle anderen auch. Nicht einmal mein Benny ist noch da. Warum nur Peter, warum? Warum gibt es Menschen, die einen anderen einfach töten? Wie kann jemand in der Lage sein jemand anderem so etwas anzutun? Mr. Singer hat nie, wirklich nie, irgend jemandem etwas zuleide getan. Er war der sanfteste und gutmütigste Mensch, den ich je kennen gelernt habe." Caras Stimme brach. "Cara, auf deine Fragen kann ich dir keine Antwort geben, aber eins ist sicher. Alleine bist du nicht! Du hast mich und wirst sicher noch viele Freunde finden, das kann ich dir jetzt schon versprechen", sprach Peter so leise, dass sie ihn kaum verstand. Auch in seiner Kehle hatte sich ein dicker Kloß gebildet, den er nicht einfach hinunter schlucken konnte. Dann zog er sie vollends auf seinen Schoss und hielt sie nur fest, während sie sich all ihren Kummer von der Seele weinte. Wie lange sie so gesessen und sich gegenseitig Trost gespendet hatten, konnte später keiner von beiden mehr sagen. Ja, auch Peter tat ihre Nähe mehr als gut. Es schien, als würde ein unsichtbares Band zwischen ihnen existieren, das auch seine Zweifel und Ängste verblassen ließ. Cara wurde rot, als ihr bewusst wurde, wie eng sie sich an Peter schmiegte. Sie war förmlich in ihn hinein gekrochen. So schnell es ihr möglich war, löste sie sich aus Peters lockerer Umarmung und stand auf. Peter tat es ihr gleich. Ein wenig unschlüssig stand sie vor ihm, wusste nicht so recht was sie sagen sollte. Mit einem Finger hob er ihr Kinn an, damit er ihr in die Augen sehen konnte. "Und, wie fühlst du dich jetzt Cara?" Sie horchte in sich hinein, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Besser, ja ich fühle mich tatsächlich besser." "Siehst du!" Peter erwiderte ihr Lächeln. Noch einmal nahm er sie in die Arme und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Nun sollten wir aber schauen, dass wir noch ein paar Stunden Schlaf bekommen. Es dauert nicht mehr lange und der Morgen bricht an." Kaum dass Peter diese Worte ausgesprochen hatte, gähnte Cara verhalten. Sie merkte deutlich wie erschöpft sie war. Doch es war eine positive Erschöpfung. Eine zentnerschwere Last war ihr heute Abend von der Seele genommen worden. "Guter Vorschlag, den ich gleich beherzigen werde", stimmte Cara zu und machte sich auf den Weg in Richtung Schlafzimmer. An der Terrassentür drehte sie sich noch einmal zu Peter um. "Danke Peter." "Es gibt nichts zu danken. Wofür auch?", warf Peter überrascht ein. "Dafür, dass du so bist, wie du bist!", erwiderte Cara einfach. Dann verschwand sie aus seinem Blickfeld. ********************* Kurz vor Acht Uhr am anderen Morgen kehrte Kermit ziemlich übermüdet zu Peters Wohnung zurück. Er hatte auf dem Revier knapp zwei Stunden geschlafen. Den Rest der Zeit hatte er mit Nachforschungen verbracht. Inzwischen wusste er mit Gewissheit, dass Shin Tao sich schon in Sloanville befand. Kaum hatte er diese Nachricht empfangen, war er wie ein Irrer aus dem Revier gestürmt und zu Peter gerast. Je näher er Peters Wohnung kam, desto mulmiger fühlte er sich in der Magengegend. Innerhalb einer Sekunde kippte er in den Söldnermodus. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Sämtliche Sinne in ihm schrieen Alarm. Mit gezogener Waffe und ohne ein Geräusch zu verursachen schlich Kermit in den dritten Stock, die Umgebung immer im Blickfeld. Das Adrenalin, das seinen Körper aufpeitschte, trieb ihn vorwärts. Es schien alles so wie sonst zu sein, dennoch war da etwas anders. Es war ruhig – zu ruhig. Leise betrat er den obersten Stock...und fluchte verhalten. Ein wüstes Durcheinander empfing ihn, das nur von einem heftigen Kampf stammen konnte. Hastig durchsuchte er den Rest der Wohnung. Auch Peters Raum sah aus wie ein Schlachtfeld. Das Bettzeug lag in einem wirren Haufen im gesamten Zimmer verstreut. Die kleine Nachttischlampe auf der Kommode lag zerbrochen auf dem Boden. Überall waren Glasscherben verteilt. Sogar das schwere Bett stand nicht mehr in seiner ursprünglichen Position. Man brauchte schon sehr viel Kraft um dieses Bett bewegen zu können. Peter musste es seinen Angreifern sehr schwer gemacht haben ihn zu schnappen. Dann entdeckte er das Blut am Türrahmen. Prüfend strich er mit den Fingern darüber. Es war noch frisch. Die Sorge um seinen besten Freund übermannte ihn fast. Nur mit äußerster Willenskraft schaffte er es, seine Durchsuchung zu beenden. Caras Zimmer sah etwas besser aus. Hier hatten die Männer leichtes Spiel gehabt. Es fehlte jedoch von beiden jede Spur. Kermit senkte den Blick und machte sich die heftigsten Vorwürfe. So wie es schien, war er um wenige Minuten zu spät gekommen!
|
| Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Epilog zurück zum Serien Index Zurück zum Story Index
|