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Es war schon reichlich spät als Peter sich am nächsten Morgen auf den Weg zum Revier machte. In der vergangenen Nacht hatte er sich zu viele Gedanken gemacht, so dass an ein geruhsames Einschlafen nicht zu denken gewesen war, gar nicht zu reden von seinen schmerzenden Rippen. Irgendwann musste die Erschöpfung ihn doch eingeholt haben, denn erst das muntere Treiben auf den Straßen Chinatowns ließ ihn erwachen. Stunden später als geplant und weit außerhalb seiner sonst üblichen Aufstehzeit, machte er sich auf den Weg. Sein Gang zum Revier wurde immer wieder kurz unterbrochen; mal von Patienten, die einen Rat brauchten, oder einfach nur von den älteren Einwohnern, die ein Schwätzchen mit ihrem neuen Shaolinpriester halten wollten, wobei die häufigst gestellte Frage die nach seinem Vater war. Schließlich vor seiner alten Arbeitsstelle angekommen, holte er einmal tief Luft, bevor er die schweren Türen aufstieß. Seit seinem letzten Besuch waren schon viele Wochen vergangen und er freute sich, seine alten Kollegen und Freunde wiederzusehen. Außerdem wollte er mit Kermit über das Geschehen der letzten Nacht reden. Der Ex-Söldner war der Einzige, dem Peter Dinge anvertrauen konnte, die sonst niemand erfahren durfte und auch nicht verstehen würde. Kaum dass er durch die Tür in den Innenraum
des Reviers trat, schallte ihm geschäftiges Treiben entgegen. Mehrere
Telefone klingelten gleichzeitig, zwei Officers ärgerten sich mit
ein paar Prostituierten herum, andere Angestellte liefen wie aufgescheuchte
Hühner durchs Revier und irgendjemand schrie durch die Gegend. Kurzum:
Peter befand sich mitten im altbekannten Chaos. Skalany, die gerade entnervt einen Telefonhörer auf die Gabel knallte, wirbelte herum. Ein Strahlen glitt über ihr Gesicht als sie ihn erkannte. "Peter, schön dich zu sehen. Wie geht es dir?" "Danke, ich kann nicht klagen", schwindelte er und schaute sich suchend um. "Ist Kermit da?" "Nein, er hat vorhin einen Anruf erhalten und wollte eigentlich zu dir. Ihr müsst euch verpasst haben." "Weißt du, was er wollte?", fragte Peter. "Nein", Skalany schüttelte den Kopf. "Ich weißt nur, dass er sehr aufgeregt wirkte. Er wollte nicht sagen, was los ist und verschwand mit den Worten: 'Ich bin bei Peter, wenn mich jemand sucht'." "Na gut, ich werde ihn schon finden", lächelte der junge Mann, krampfhaft überlegend wieso Kermit ein Anruf so durcheinander bringen konnte, dass er deswegen zu ihm wollte. "Hallo Peter", erklang es plötzlich hinter ihm. Er drehte sich um und sah in Jodys leuchtende Augen. "Hallo Jody, alles klar?" "Nun, seitdem du nicht mehr hier bist, ist es richtig langweilig geworden. Niemand mehr, der ausrastet, niemand mehr, der Vorschriften ignoriert. Niemand mehr, der die Frauenherzen höher schlagen lässt", hauchte sie verführerisch und rollte theatralisch mit den Augen. Eine leichte Röte überzog Peters Gesicht und er wich ihrem aufreizenden Blick aus. "Nun, wie ich sehe haben sich die Verbrecher seitdem ich fort bin auch nicht zur Ruhe gesetzt." Grinsend deutete er auf die vielen an den Stühlen angeketteten Verhafteten. "Ja hast du draußen das Schild nicht gesehen, auf dem steht 'Kost und Logis frei'?", witzelte Blake, der gerade die Treppe heraufkam. "Hallo Blake, heute schon jemanden verkabelt?", begrüßte Peter seinen Ex-Kollegen. "Na ja, was soll ich sagen, es ist schlimm. Ständig muss ich hinterher laufen, um die Sachen wiederzubekommen", beklagte er sich kopfschüttelnd. "Du hast dich überhaupt nicht verändert." Peters Grinsen wurde noch breiter. Alles schien so wie früher zu sein und die fröhliche und gleichzeitig angespannte Atmosphäre, die herrschte, ließ ihn für einen Moment seine Sorgen vergessen. Blake hob lächelnd die Arme. "Tja, was soll ich dagegen machen?" Peter sah sich erneut um und seine gute Laune verflog. Schmerzlich wurde ihm mit einem Mal bewusst, wie sehr er dieses ganze Durcheinander doch vermisste. Hatte er sich wirklich richtig entschieden? Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Eine Hand legte sich auf seinen Arm und riss ihn aus den Gedanken. "Peter, alles in Ordnung?", fragte Skalany besorgt. "Oh ja, mach dir keine Sorgen, ähem, ich...", räusperte er sich, "Ich gehe jetzt nach Hause, vielleicht erwische ich Kermit noch." Skalany nickte und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. Peter drehte sich rasch um. Er musste hier weg. Es tat einfach zu weh, hier zu sein. Er trat auf die Strasse und sah auf die Uhr. "Schon Mittag, ich muss Kermit finden und mit ihm reden." Schnellen Schrittes eilte er los. ******************************** Nachdenklich ging Peter die Treppe zu seiner Wohnung hoch. Er war direkt vom Revier aus nach Hause geeilt, aber von Kermit gab es keine Spur. Vermutlich hatten sie sich erneut verpasst. Anstelle einfach abzuwarten, hatte er sich dazu entschlossen, alle Orte abzuklappern, an denen er seinen Freund vermutete, aber auch diese Suche war erfolglos verlaufen. Vor der Wohnung angekommen, lehnte Peter sich halb
nachdenklich, halb beunruhigt gegen die geschlossene Tür. Sollte
er doch noch einmal umdrehen und erneut nach Kermit suchen, oder sollte
er es für heute aufgeben? Warum nur konnte er Kermit nirgends finden?
Er brannte doch darauf, seinem Freund von den Ereignissen der letzten
Nacht zu erzählen. Leise schlich er sich an. *Wenn das wieder dieser Kerl ist, legt er mich nicht noch mal so schnell aufs Kreuz.* Blitzschnell trat er die Türe auf und stellte sich in Kampfposition. "Wow", erklang eine vertraute, vor Sarkasmus triefende Stimme. "Willst du mich jetzt zu Brei hauen?" "Kermit, verdammt, ich dachte du seiest jemand anders!", stöhnte Peter und entspannte sich sichtlich. Der Ex-Söldner saß völlig ruhig auf einem Stuhl, ohne eine Miene zu verziehen. Jeder andere wäre bei Peters kraftvollem Eintreten wahrscheinlich zu Tode erschrocken, aber diesen Mann brachte scheinbar nichts aus der Ruhe. Peter holte tief Luft und schloss die Tür. Er wünschte sich, manchmal etwas von Kermits unglaublicher Selbstbeherrschung zu besitzen. "Und wen hast du vermutet? Wie es aussieht jedenfalls keinen Freund." Kermit schob seine Brille etwas herunter und seine Augen deuteten auf Peters geballte Fäuste. "Jemand, der letzte Nacht schon einmal hier war und mich mit einem Punchingball verwechselt hat", entgegnete Peter zögernd. Kermit blickte ihn überrascht an und erhob sich. "Erzähl." Peter schilderte ihm in kurzen Worten die Geschehnisse der vergangen Nacht. "Selentine, dieser Verbrecher?", wütete Kermit. "Was will dieser Abschaum wohl von dir?" Peter zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Ahnung, er hat mir nur gedroht er wolle mich, aber wofür, weiß ich nicht. Und dann das Weinen des Babys. Verdammt! Ich glaube, ich drehe langsam durch in dieser Wohnung. Ich wünschte, mein Vater wäre hier." Erschöpft fasste er sich an den Kopf und lehnte sich an die Wand. Plötzlich schreckte er auf und sah seinen Freund fragend an. "Warum bist du eigentlich hier? Ich war auf dem Revier und Skalany sagte du wolltest mich sprechen." Kermit nahm mit einer langsamen Bewegungen seine Brille von der Nase. "Peter, ich habe heute einen Anruf bekommen." Der Ex-Söldner räusperte sich und schluckte schwer. Scheinbar fiel es ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Peter betrachtete seinen Freund nachdenklich. "Nun, rede schon. Was ist los? Mach es nicht so spannend, alter Kumpel." Kermit holte tief Luft und fuhr fort: "Der Anruf kam von einem Kollegen vom 18. Revier." "Ja und?" Peter fuhr sich irritiert durch die Haare. "Was hat das mit mir zu tun?" "Nun ja, es ist etwas passiert und sie wollten eigentlich jemanden zu dir schicken, der mit dir reden sollte." Peter blickte Kermit verwundert an. Er konnte sich auf all diese Sachen keinen Reim machen. Der Schlafmangel schien sein Denken erheblich beeinträchtigt zu haben. "Verdammt Kermit, lass dir nicht alles aus
der Nase ziehen, was ist los?" Der Ex-Söldner holte tief Luft. "Es geht um Jordan." Schlagartig erstarrte Peter. Jordan, sie war lange
Zeit seine Geliebte gewesen. Jordan hatte ein romantischen Essen vorbereitet und wollte ihm was Wichtiges erzählen. Der ganze Raum war mit brennenden Kerzen dekoriert und sie sah ihn erwartungsvoll an. Im Nachhinein musste er gestehen, dass er nicht sehr sensibel vorgegangen war, als er ihr unvorbereitet mitgeteilt hatte, dass er seine Wohnung aufgeben würde, um in die seines Vaters zu ziehen. Fassungslos hatte sie ihn angehört, um anschließend furchtbar wütend zu werden. Dass er ein Shaolin wurde hatte sie noch akzeptiert, aber sie war nicht bereit so zu leben, wie er es sich vorstellte. Sie warf ihm vor, nur an sich zu denken und dass ihr seine Kündigung auch völlig unverständlich sei. Als er versuchte ihr zu erklären, dass er seinen Beruf aufgeben musste, um das Leben eines Shaolin Priesters zu führen, so wie sein Vater es auch tat, war Jordan noch wütender geworden. Sie bräuchte keinen Priester als Freund sondern einen richtigen Mann, hatte sie ihm an den Kopf geworfen - was auch immer sie damit gemeint hatte. Sie hatte ihn für verrückt gehalten, dass er diesen Weg einschlagen wollte. Es war ein bitterböser Streit entbrannt, der darin geendet hatte, dass sie ihre Sachen packte und verschwand. Sie hatte sich versetzen lassen und seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Alle Versuche mit ihr in Kontakt zu treten waren gescheitert. "Peter! Hallo, bist du noch anwesend?", ertönte Kermits besorgte Stimme. "Was? Oh, entschuldige, ich war gerade ein wenig in der Vergangenheit. Also was ist mit Jordan?", fragte er und spürte eine plötzliche Kälte in sich aufsteigen. Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Er konnte es fühlen. Sein Atem stockte und er starrte Kermit ahnungsvoll an. "Peter, es tut mir leid, aber...Jordan ist tot." Eine riesige Welle schien Peter mitzureißen. Er spürte seine Füße nicht mehr und musste sich setzen. Sein Herz begann zu rasen. Fassungslos blickte er seinen Freund an. Mühsam nach Luft ringend stöhnte er: "W…was erzählst du da Kermit? Was heißt tot? Wie denn? Wann denn? Im Dienst?" Es kam kein vernünftiger Satz aus seinem Mund, und in seinem Kopf schien ein Bienenschwarm zu summen. "Nein, sie war nicht im Dienst, sie wurde Zuhause getötet." In Kermits Stimme schwang ein merkwürdigen Unterton mit. "Na ja, sie war wohl beurlaubt, hat man mir gesagt." Peter konnte keinen klaren Gedanken fassen. Jordan war tot. "Was ist passiert? Wie wurde sie getötet?" "Man hat sie erstochen. Jemand ist in die Wohnung eingebrochen, sie wurde wohl im Schlaf überrascht. Sie hatte keine Chance.", brachte Kermit Peter die schlechte Nachricht so schonend als möglich bei. "Mein Beileid, mein Freund", fügte er mitfühlend hinzu. In Peters Innern zog sich alles zusammen. Auch wenn der Kontakt zu ihr abgebrochen war, so hatte er sie doch nie vergessen und immer noch sehr gerne gehabt. So ein schreckliches Ende hatte sie nicht verdient. Der junge Shaolin seufzte erschüttert und fuhr sich mit den Händen durch sein dichtes Haar. "Alles okay, Peter?" Besorgnis klang aus Kermits Stimme. Peters Kopf schnellte hoch und er blickte Kermit
fragend an. "Aber wieso ruft man dich an und warum will jemand mit
mir sprechen? Jordan und ich haben uns seit fast 8 Monaten nicht mehr
gesehen oder miteinander gesprochen." Kermit zuckte mit den Schultern. "Man rief bei uns an, weil sie wussten, dass du Jordans Freund warst. Sie hatte ihnen nicht erzählt, dass du kein Cop mehr bist. Mehr habe ich auch noch nicht erfahren können. Sie taten sehr geheimnisvoll. Komm morgen gegen 9.00 Uhr auf das Revier, zwei Detectives werden da sein und möchten mit dir reden." Der Ex-Söldner setzte sein teuflischstes Grinsen auf. "Eigentlich wollten sie direkt zu dir, aber ich konnte sie davon überzeugen, dass morgen ein viel besserer Zeitpunkt ist." Dann wurde er wieder ernst. "Außerdem fühlst du dich bei der Unterhaltung auf dem Revier sicher wohler als hier." Kermit deutete mit einer flüchtigen Handbewegung auf die Räumlichkeiten und Peter wurde wieder einmal bewusst, wie gut sein Freund ihn doch kannte. "Was könnte ich ihnen schon erzählen?" Wieder zuckte Kermit mit den Schultern. "Ich weiß nur, dass sie ein paar Fragen an dich haben." Er ging zur Türe und lächelte Peter an. "Halt die Ohren steif." Der ältere Cop zwinkerte Peter aufmunternd zu und machte sich auf den Weg. Endlich allein, sackte Peter in sich zusammen.
*Mein Gott, Jordan.* Er hatte Jordan sehr gerne gehabt und glaubte damals, sie sei die Frau, mit der er den Rest seines Lebens teilen würde. Aber er musste sie gehen lassen. Sie konnte und wollte sich kein Leben mit ihm vorstellen, nicht unter diesen Umständen. Das kam mehr als deutlich bei ihm an und er hatte es akzeptieren müssen, wenn auch schweren Herzens. Dabei hätte er sie gerade damals so dringend gebraucht. Peter holte tief Luft und erhob sich mit wackeligen Knien. *Was diese Detectives wohl von mir wollen?* Müde ging er zur Couch und legte sich hin, um etwas auszuruhen. Der fehlende Schlaf der letzten Nacht machte sich bemerkbar. Aber er fand nicht sogleich die erhoffte Erholung, denn die Erinnerung an Jordan hielt ihn noch lange Zeit wach, bis ihn irgendwann endlich doch noch der Schlaf übermannte. |
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